Carl Lohse war vom 6. Dezember 1924 bis zum 24. April 1929 bei der Hamburger Hochbahn (so heißen dort die städtischen Verkehrsbetriebe) als Straßenbahnschaffner angestellt. "Mit seiner Führung und seinen Leistungen waren wir zufrieden", steht im Zeugnis.

Dass er ein ganz ungewöhnlicher, ein atemberaubender Maler war, hat man bei der Hochbahn nicht gewusst und auch nicht wissen müssen. Aber immerhin war es Alfred Lichtwark, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, der die Begabung schon des Fünfzehnjährigen erkannt und gefördert hatte. Merkwürdig allerdings, dass die Hamburger bis zum Sommer dieses Jahres warten mussten, um endlich zu begreifen, wer der Künstler Carl Lohse (1895 bis 1965) eigentlich war. Im Ernst Barlach Haus in Hamburg waren seine frühen Bilder erstmals in großer Fülle zu sehen, und nun wird die Ausstellung auch im Albertinum in Dresden gezeigt.

Es sind wahrhafte Explosionen der Leuchtkraft und der Energie. So kühn gehen selbst die Maler der Brücke mit Farben nicht um. So frei und wild bis ins Abstrakte hinein hat seinerzeit kein anderer gemalt. Am erstaunlichsten vielleicht die Porträts und Selbstporträts. Sie haben den harten Strich einer Karikatur, aber nicht deren entlarvenden Gestus. Mit einem durchdringenden und zugleich teilnahmsvollen Blick zeigen diese Lohse-Bilder das Besondere einer Person, ihre Aura, ihre Befindlichkeit.

Dann kann es sein, dass die Augen einem algengrünen See gleichen, die Nase einem grellen Blitz und der Mund einem abgestorbenen Ast. Die bizarren Details jedoch fallen erst beim zergliedernden Hinsehen auf. Im Ganzen entsteht das Gefühl höchster Intensität und Lebensnähe.

Zwei Geschwisterkinder blicken, als wüssten sie schon zu viel vom Ernst des Daseins und bedürften des Trostes. Sein eigenes Gesicht zeigt Lohse als ein Mosaik aus braunen und verkohlten Holzresten, das kurz davor ist, sich in seine Einzelteile aufzulösen.

Dieser Künstler hat keinen geschlossenen Stil, keine Methode. Er kann Landschaften und Blumengärten malen, in die man gern hineinginge; Sternenhimmel und Gewitterstimmungen, die einen das Gruseln lehren können. In die Schneelandschaft aus Weiß und schwarzem Blau wirft das zarte Rosa am zerrissenen Himmel einen Strahl der Hoffnung. Dieses Bild stammt von 1932, aus der zweiten wichtigen Schaffensperiode. Hier sehen wir Häuser in Hamburg, die derart zu tanzen beginnen, dass sich die Fassaden biegen. Wieder leuchten die Farben wie im Traum, aber nun malt Lohse in einer gelösten, freundlichen Stimmung, während die frühen Bilder von den Schrecken des Krieges künden.

Lohse, 1895 in Hamburg geboren, überlebt die Schlacht an der Somme 1916, gerät durch Zufälle nach Bischofswerda, findet dort einen Mäzen und malt wie der Teufel: 130 Gemälde entstehen, zahlreiche Zeichnungen und Plastiken. Ebenso plötzlich, wie er begonnen hat, hört er wieder auf, wird Bankbote, Straßenbahnschaffner und schließt sich den Zeugen Jehovas an. Erst 1929 beginnt er wieder zu malen, wird von den Nazis als "entartet" diffamiert, später von den DDR-Kommunisten als "formalistisch". 1965 stirbt er in Bischofswerda. Dort und in Dresden ist er nicht unbekannt. Tatsächlich gehört er in die erste Reihe der Maler des 20. Jahrhunderts, schwer einzuordnen, ein Expressionist, doch frei von jeglicher Manieriertheit, ein junger Wilder und doch von subtiler Zartheit, ein Genie aus eigener Kraft.