Glänzen mit Licht, das kann unsere Religion auch. Immer kurz vor Weihnachten feiern wir Juden Chanukka. Das kleine jüdische Fest beruht auf keinem biblischen Ereignis, ist religiös also vermeintlich weniger bedeutsam. Doch gerade das macht es neben Purim für mich zum sorglosesten aller jüdischen Feste: Wir gedenken in diesen Tagen des Sieges der Juden über jene, die unsere Kultur und Religion auslöschen wollten. Nicht aber die Überlegenheit der Makkabäer über die Griechen feiern wir, die Wiedereroberung des Tempels in Jerusalem, sondern das Wunder, ohne das dies alles nicht vonstattengehen konnte: dass das Licht die Dunkelheit gegen alle Erwartungen überdauerte.

Seit drei Jahren sammle ich mit einigen Mitstreitern Chanukka-Kitsch im Netz. Die Fotos verdeutlichen für mich, wie unbeschwert und spielerisch leicht Jüdinnen und Juden mit ihrer Religion umgehen können. Begonnen habe ich mit der Sammlung, als mir ein altes Foto wieder in die Hände fiel, aus meiner Zeit in den USA. Darauf ist ein Flamingo mit Santa-Claus-Mütze neben einem Chanukka-Leuchter in einer Einkaufsmeile zu sehen. Inzwischen sind Massen an Fotos zusammengekommen. Die schier unerschöpfliche Freude, die mit diesem Sammeln einhergeht, zeigt mir auch einen Weg, die Ehrfurcht vor dem Heiligen abzulegen. Geht es darum? Ich weiß es nicht. Vielleicht will ich auch nur an das Wunder glauben, um einen guten Grund zu haben, acht Tage lang ohne schlechtes Gewissen reichlich in Öl Gebackenes zu verspeisen.

Ja, wir Juden lassen ihn leuchten in diesen acht Tagen, die gerne als "jüdisches Lichterfest" bezeichnet werden, unseren Glauben an das Wunder. In unserer Nachbarschaft sehen wir die neunarmige Chanukkia leuchten, an den Abenden in jenen Häusern, in denen die Menschen keine Angst haben, als Jüdinnen und Juden ausgemacht zu werden.

Chanukka ist ein stilles Fest. Das unterscheidet es von all dem Kommerz des westlichen Weihnachtstrubels. Trotz aller Bescheidenheit: Mit dem Aufstieg des Weihnachtsfestes im 19. Jahrhundert wurde auch Chanukka immer beliebter. Die assimilierten Juden des Bürgertums hielten es damals für völlig normal, den in Mode gekommenen Weihnachtsbaum neben der Chanukkia aufzustellen. Man begann, sich auch an Chanukka Geschenke zu machen. Diese Normalität wurde im Nationalsozialismus zerstört.

Mit der Ermordung und Vertreibung der Juden Mitteleuropas ist diese kulturelle Doppelbindung in Deutschland größtenteils verloren gegangen, in anderen Ländern weniger. So ist es in den USA beispielsweise absolut normal, dass die Läden in den Einkaufspassagen nicht ausschließlich Weihnachtsschmuck anbringen. Weihnachten, Chanukka und das unter Afroamerikanern verbreitete Kwanzaa existieren wie selbstverständlich nebeneinander. Die Häuser und Straßen sind mit allen Symbolen geschmückt. Mal steht ein rot-weißer Weihnachtsmann im Vorgarten, mal ein Riesendreidel, ein besonderer Kreisel mit vier Seiten, mit dem zu Chanukka gespielt wird. Es ist ein unbeschwertes Wettschmücken um den Preis für die schönste Deko. Falls Sie denken, Weihnachtspullover seien hässlich, so haben Sie keine Ahnung, womit man sich zu Chanukka bekleiden kann.

Am schönsten aber kann man die Fröhlichkeit an den Chanukkias sehen, den neunarmigen Leuchtern. Um die klassische Form zu imitieren, wird alles genommen, was einem in die Hände fällt. Selbst die traditionelle Ansicht, dass acht Kerzen auf einer Ebene und die neunte in irgendeiner Weise abgesetzt sein sollte, nimmt kaum jemand wirklich wichtig.

Diese Vielfalt, wie ich sie in den USA erlebt habe, fehlt mir in Deutschland. Trotzdem besitze ich – neben den vielen Bildern, die ich gesammelt habe –, zu Hause nur eine einfache silberne Chanukkia. Jahr für Jahr ringe ich mit mir, nicht doch mehr Kitsch anzuschaffen. Vielleicht stelle ich 2018 einfach ein paar Bierflaschen zusammen, hänge einen aufgeblasenen Riesendreidel aus dem Fenster und laufe acht Tage lang komplett in Chanukka-Kostümen durch die Stadt. Wer weiß? Bis dahin tut es auch der Disney-Chanukka-Anstecker am Revers.

Am Abend, auf meinem Weg durch die Stadt, schaue ich in die Fenster der Häuser, und dann und wann sehe ich einen neunarmigen Leuchter hinter einem Fenster stehen. Dieses Jahr fand das Anzünden der ersten Kerze vor dem Brandenburger Tor mit erhöhtem Polizeischutz und antijüdischen Protesten statt. Da macht mich jedes noch so kleine Licht im Dunkel besonders glücklich.