Manche Tage muss man einfach beim Schlafittchen packen. Wenn an einem Winterwochenende die Sonne vom Himmel lacht, dass man vor guter Laune platzen möchte, heißt das ja nichts anderes, als dass man rausmuss – in die Welt jenseits des Fensters.

Oft reichen 24 Stunden schon, in denen das Leben mal aus der Haut fahren kann. Und man selbst nach Berlin. Oder Hamburg. Oder Dresden. Dem Kind eine warme Mütze aufgesetzt, eine Münze zum Werfen in die Tasche gesteckt und sich voll Neugier auf die Stadtwelt in den Zug gen Osten gesetzt. Gerade habe ich das mit meinem Sohn wieder einmal gemacht. Einfach so.

Dresden lag da, wo es seit Jahrhunderten zu liegen pflegt, das innenstädtische Gesicht von der Sonne vorteilhaft ausgeleuchtet, während zahlreiche touristische Rollkoffer mit ihrem rhythmischen Gepolter unseren Weg zu den Elbterrassen und den überall wie zufällig herumstehenden Prachtbauten begleiteten. An der Frauenkirche hatte ein junger Mann seinen Flügel aufgebaut, alles verweilte lauschend in der Mittagssonne. Man hatte keine Eile, stattdessen alles hinter sich gelassen, keiner dachte an Worte wie "Globalisierung" oder "Schwellenländer".

Dergestalt beschwingt, warfen wir die Münze, die gegen das Kästner-Museum und für den Besuch bei der (gar nicht so) mysteriösen Figur der Gläsernen Frau im Deutschen Hygienemuseum entschied. Es ging also in Richtung Blüherpark, wo der beeindruckende Bau des Museums zu finden ist. Der Weg war flaniert von sieben polizistischen Hundertschaften. Im nahen Glücksgas-Stadion (was für ein Name!) brüskierte gerade eine angereiste Mannschaft Dynamo Dresden. Wer den Stil der dreißiger Jahre mag, wird sich im Museum augenblicklich wohlfühlen. Sobald man die Hallen betritt, befällt einen das Gefühl, es müsse gleich eine blütenweiß gekleidete, nach Karbol riechende Lazarett-Schwester mit frisch gestärkter Haube die Gänge entlangeilen und einen mit freundlich-resolutem Ton einweisen. Das sind natürlich Hirngespinste: Begrüßt wird der Besucher im hochmodernen Empfangsbereich in sachlich-abwesender Kundendienst-Manier. Wobei diese Art erfreulich selten ist in dieser etwas verlangsamt wirkenden, aber dem Besucher stets zugewandten Stadt. Als das Kind sich beim temperamentvollen "Inaugenscheinnehmen" des gläsernen Labyrinths im inkorporierten Kindermuseum eine verwegene Platzwunde an der Stirn holt, schlägt uns kein verbindlich sachlicher Ton entgegen. Da wird sofort geholfen. Menschlich, hemdsärmelig, herzlich.

Den Rückweg zum Hauptbahnhof legen wir im Strom der von dannen grölenden Fußball-Enthusiasten zurück. Rasch kehren wir noch in einen Drogeriemarkt ein, der Erwerb einer Pflaster-Reserve scheint sinnvoll. Vor uns in der Schlange legt gerade eine Frau fünf Tuben Duschgel aufs Band. "Lebensfreude" steht in großen Lettern auf der Packung. Fünfmal Lebensfreude. Ob sie die gerade besonders dringend brauche, versuche ich – hinter ihr stehend – ein bisschen zu scherzen. Die Frau dreht sich um, die paar Sekunden des ziemlich deutschen Verdutztseins, dass einen plötzlich Fremde ansprechen, rasch hinter sich lassend, um mit stolzem, aber warmem Lachen zu erwidern: "Hören Sie mal, ich habe fünf Kinder!"

Ich liebe die Ambivalenz solcher Situationen. Die gemütliche Dresdner Tonart ist dazu weiß Gott kein übler Soundtrack.

Als wir gegen Abend im Zug schon wieder nach Hause, nach Leipzig, über die Elbe rollen, verübt die Sonne in Farbtönen, die man nicht künstlich herzustellen wagte, ihren täglichen Suizid und geht ins Wasser. Das Zugfenster wirkt wie der Rahmen eines Canaletto-Bildes, und im Kopf hängt mir in Endlosschleife die Kästner-Zeile: "Leipzig ist das Heute. Und Dresden das Gestern. Leipzig ist Wirklichkeit und Dresden – das Märchen!" Bekanntlich weiß zur Stunde niemand, ob diesem Märchen ein Happy End beschieden sein wird.

Eines aber scheint mir sicher: Es käme großem Ungemach gleich, wenn unschuldige Städte angesichts politischer Entwicklungen und neumodischer Hysterie in Totalverruf gerieten. Köln wäre plötzlich nur noch Bahnhofsvorplatz, wo einem Zugereiste ungebeten in den Schritt langen; Dresden ohnehin längst abgeschrieben, seit der besorgte Bürger seine Lust am Spaziergang entdeckt hat.

Komisch nur: Wann immer man in Dresden zu Gast ist, kann man sich guter Gefühle nicht erwehren.

Jedem, der latent oder bekennend vor einem Dresden-Besuch zurückschreckt, möchte ich deshalb ans Herz legen: Tun Sie das nicht! Lassen Sie sich diese prächtige Ansammlung von Gebäuden, Alleen, Parks und kontrastierenden Resten kräftigen Plattenbaus nicht entgehen! Allein die Anfahrt an der Sächsischen Weinstraße entlang vermittelt einem zeitweise das Gefühl, man durchquere gerade ein Gedicht. Von Goethe.

Die Stadt braucht die Fremden, die ihr wohlwollend auf die schöne, gar nicht so kalte Schulter klopfen und ihr auch etwas anderes als Zuversicht in die Vergangenheit einflüstern. Stünde es einem Dresden nicht besser zu Gesicht, statt als architektonisches Viagra für Chefvisionäre reaktionärer Sammelbecken zu fungieren, als lebendiges, freundliches Märchen Mitteldeutschlands im Guinness-Buch der Schönheiten der Welt aufgeblättert zu werden? Doch, bitte: Fahren Sie nach Dresden! Sie werden mehr als ein blaues Wunder erleben. Wenn Sie nur wollen.