Im Triforium der Londoner Kathedrale St. Paul’s duftet es heimelig: Vanillepudding, Bittermandel, gemähtes Gras, ein Spritzer Kaffee. Matija Strlič, ein schlanker Slowene mit eleganter Hornbrille, hebt den Kopf und schnuppert. "Ja, das sind die Bücher." Das Triforium ist der Backstage-Bereich der Kathedrale, ein sandsteingrauer Bogengang, der Zugang zur Bibliothek. Deren meterhohe Holztür bleibt meist geschlossen, Besuch nur mit Anmeldung! Das macht die Bücherkammer zu einer olfaktorischen Zeitkapsel. "Ihr Geruch ist erstaunlich intensiv", sagt Chemiker Strlič, als er die Tür öffnet. In London riecht es wohl nirgendwo so schön nach Büchern wie hier.

Gerüche sind flüchtig. Unsichtbar, nicht mit Händen zu fassen. Ein Windzug genügt, schon sind sie weg – und mit ihnen die Informationen, die sie enthalten. Dem arbeitet Matija Strlič entgegen. Der Wissenschaftler ist am Londoner University College stellvertretender Leiter des Institute for Sustainable Heritage, des Instituts zur Erhaltung von Kulturgütern. Dort sucht er nach neuen Wegen, um wertvolle Sammlungen zu schützen. Eine Methode, die er entwickelt hat: die Analyse von Gerüchen. Normalerweise wird mit einfachen mechanischen oder chemischen Tests bestimmt, wie gut erhalten Papier ist und ob Säure die Zellulose zersetzt. Um die Stabilität zu messen, faltet man zum Beispiel eine Ecke so lange, bis sie bricht oder zerbröselt. Oder man macht mit speziellen Filzstiften, die mit einem Säure-Basen-Indikator gefüllt sind, den pH-Wert sichtbar. Für die pH-Messung mit einer Oberflächenelektrode muss das Papier selber feucht sein.

So erprobt diese Methoden sind: Sie tun dem Buch nicht gut. Abgerissene Ecken, Filzstiftmarkierungen, Wasserflecken – für den Besitzer eines raren Exemplars ein Albtraum. Ohnehin sind mehr als ein Drittel der Bücher, Manuskripte und Akten in Bibliotheken und Archiven bereits zu mürbe, um untersucht zu werden, schätzt die britische Royal Society of Chemistry. Es geht aber auch ohne zerstörenden Eingriff, was man erkennen kann, sobald man Spezialisten zuschaut: "Wenn Konservatoren ein Buch beurteilen, stecken sie oft zuerst ihre Nase hinein und schnuppern", sagt Matija Strlič.

Diese nicht allzu präzise Methode brachte Strlič auf eine Idee: Lässt sich der Geruch chemisch so weit analysieren, dass er zuverlässige Informationen liefert? Seine Studien zeigen, dass es geht. "Geruch hilft, den Zustand eines Objekts zu beurteilen, ohne dass von diesem Proben genommen werden müssen."

Was für Strlič aber mindestens genauso wichtig ist: der kulturelle Wert bestimmter Gerüche. "Geruch beeinflusst die Atmosphäre eines Ortes maßgeblich – und damit auch, wie wir die dort präsentierten Gegenstände wahrnehmen." Die Bibliothek von St. Paul’s ist dafür das beste Beispiel. "Ein beeindruckender Ort. Ich kann das Wissen förmlich einatmen", hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben. "Wir können die Geschichte riechen, den Duft vergangener Tage, und fühlen uns mit den Seelen der Vergangenheit vereint", lautet ein anderer Eintrag.

Wer die Bibliothek betritt, fühlt sich unwillkürlich 300 Jahre zurückversetzt. Der große Brand von London hatte 1666 auch St. Paul’s zerstört. Mit dem Neubau des Wahrzeichens wurde der Architekt Christopher Wren beauftragt. Ein Großprojekt, das sich von 1675 bis 1710 hinzog. Die Bibliothek wurde erst kurz vor Ende des Baus fertiggestellt und neu bestückt. Unter einer luftigen Kuppel ragen auf zwei Etagen glänzend braune Regale vom Boden Richtung Decke. Die mächtigen Bücher, die sich darin aneinanderdrängen, erinnern mit ihren wulstigen Lederrücken an Urzeitinsekten.

Ein warmer, pudriger Geruch geht von ihnen aus. Der Duft sterbender Bücher sei das, sagt Strlič. Sie riechen, weil sie zerfallen. Wenn Konservatoren an einem antiquarischen Buch schnüffeln, erfassen sie intuitiv die Informationen, die in Papier und Einband stecken. Ob es aus China stammt, aus Nordafrika oder Europa. Wie alt es ist. Ob das Papier aus Altkleidern hergestellt wurde – bis Anfang des 18. Jahrhunderts die in Europa übliche Methode – oder aus Pflanzenfasern. Welche Bindemittel zum Einsatz kamen. Auch, ob das Buch lange unberührt in einer wohltemperierten Bibliothek stand, in einem Überseekoffer auf Reisen ging oder in der Küche aufbewahrt wurde. Sogar über den Tabakkonsum des Vorbesitzers kann der Geruch etwas verraten.