Die Universität Frankfurt hat im Elite-Wettbewerb um Spitzenforschung alles richtig gemacht. Trotzdem hat es nicht gereicht. Wie konnte es dazu kommen?

In der Mitte des Platzes steht ein Schreibtisch. Zwei Blätter liegen darauf, ein Metronom, ein Buch, eine Lampe. Dazu ein Stuhl mit weich geschwungenen Armen. Ein Glaskubus fasst den Arbeitsplatz ein. Wenn man von oben auf ihn hinabblickt, von der Dachterrasse eines umliegenden Gebäudes aus, erkennt man auch die Peripherie. Den Taunus, die Skyline, den verspiegelten Turm der Europäischen Zentralbank. Mittendrin dieser Schreibtisch, der an den Philosophen Theodor W. Adorno erinnern soll. Und an die Diskursmacht, die seine Schriften entfaltet haben. Philosophie, schreibt Adorno in der Negativen Dialektik – jenem Buch, das im Glaswürfel liegt –, sei ein "Prisma". Es fängt die Farben dessen auf, worüber nachzudenken ist. Das Denkmal steht auf dem Campus Westend der Universität Frankfurt.

Der Starphilosoph ist wichtig für diese Hochschule, wie auch der Dichter, den sie im Namen trägt. Die Goethe-Universität will leuchten und wuchern mit ihrer Größe, ihrem Geist, ihrer Exzellenz. 48.000 Studierende, zehn Sonderforschungsbereiche, 184 Millionen Euro Drittmittel pro Jahr, Hunderte Kooperationen mit der umliegenden Wirtschafts- und Kulturszene. Deswegen ist sie Anfang des Jahres in den Ring gestiegen. Ein erfolgreiches Abschneiden im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern sollte den inneren Glanz auch von außen besiegeln. Nicht nur um Geld ging es, auch um den glamourösen Ruf als Elite-Uni. Doch daraus wird nichts, schon in der Vorauswahl ist Frankfurt aussortiert worden. Wie konnte das passieren?

Die Idee, mit Bundesmitteln die universitäre Spitzenforschung zu fördern, kam Anfang der 2000er auf. Es waren Jahre einer rasanten hochschulpolitischen Modernisierung: Die Bologna-Reform erneuerte die Studiengänge, und mit Globalisierung und Digitalisierung stieg der internationale Wettbewerbsdruck der Universitäten. Die Politik versprach Geld all jenen, die ihre beste Forschung gezielt bündeln – in sogenannten Exzellenzclustern – und ihre Institution in das schmucke Gewand eines "Zukunftskonzepts" kleiden. Am Anfang gab es viel Widerstand, man holperte sich durch den Parcours politischer Anforderungen. Zögerlich hielt in den Präsidien ein neuer Begriff Einzug: Strategiefähigkeit. Mit dem aktuellen Wettbewerb, der sogenannten Exzellenzstrategie, gehen die deutschen Unis nun in die vierte Runde; bis zum Förderbeginn im Jahr 2019 gilt es, mehrere Stufen der Vorauswahl zu nehmen. Der Druck ist immens. Das Kräftemessen der deutschen Wissenschaft hat weltweit Aufmerksamkeit geweckt, andere Länder haben die Idee eines Wettbewerbs kopiert.

An diesem Vormittag, im Januar 2017, geht es geschäftig zu in der Denkwerkstatt der Universität Frankfurt. In einem holzgetäfelten Raum, die Tische zu einem U zusammengeschoben, sitzt der Forschungsrat beisammen: ein vertrauliches Gremium aus 16 Professorinnen und Professoren und der Präsidentin der Universität, Birgitta Wolff. Die Luft vibriert. In wenigen Wochen müssen die Anträge für die Forschungsprojekte eingereicht werden. Es geht um alles: Geld, Renommee, die Zukunft der Institution. Wolff leitet die Universität erst seit 2015, und sie will in diesem auf mehrere Jahre angelegten Wettbewerb nichts dem Zufall überlassen. Dass ihre Uni schon neun Monate später mit einem lauten Knall aus dem Rennen fliegen wird, ahnt heute noch niemand. Später wird Wolff sagen: "Wir waren noch nicht so weit."

Heute, an diesem schneekalten Januartag, geht es um die Planung der nächsten Bewerbungsschritte. "Aus dem Wissenschaftsrat dringt durch, dass Informatik und IT-Themen eine große Rolle spielen könnten", berichtet eine Professorin aus ihrem Netzwerk; jemand anderes sagt: "Früher waren Harvard und Yale das Ideal, jetzt ist es das Silicon Valley." Nicken, Stirnrunzeln, in diesen Themenfeldern ist man hier nicht gut aufgestellt. Wolff lässt nicht zu, dass Unsicherheiten aufkommen, sie hat einen Leitsatz: "Wir müssen immer von der Wissenschaft aus argumentieren." Alles, was in den Anträgen stehen wird, soll zutiefst aus dem Herzen der Frankfurter Forschung kommen. Bloß nicht an vermeintlich hippen Themen orientieren, bloß kein Schaulaufen für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) inszenieren, deren internationales Expertengremium die Anträge bewerten wird.

Abkapseln vom Zeitgeist will man sich aber auch nicht, deswegen plant der Forschungsrat einen Workshop, an dem man ausländischen Fachkollegen die Antragsskizzen vorstellen möchte. "Eine Spiegelungsebene einziehen" nennt Wolff das: Sehen die Experten von außen dasselbe wie wir? Gibt es blinde Flecken? Fast scheitert es am Termin. Ein freies Wochenende für lauter Top-Wissenschaftler zu finden – schwierig. "Bitte nicht übernächsten Samstag", sagt einer. "Da habe ich Hochzeitstag", es solle nicht der letzte sein. Gelöstes Lachen, Klassenzimmeratmosphäre.

Die Exzellenzstrategie soll die Innovationskraft und internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wissenschaft fördern. Aber sie formt auch die Biografien und das Selbstverständnis der Wissenschaftler, die diese Exzellenz verkörpern. Sie zwingt Professoren zur Beantwortung der Frage, ob ihre jüngste These schon "antragsreif" ist. Sie verlangt von ihnen, gefällige "Textbausteine" in Antragsformulare einzupassen und schamlos ihre Meriten anzupreisen, statt sich in ihr Fachgebiet einzuspinnen. Der Wettbewerb trainiert sie für das K.-o.-Prinzip: Deine Forschung ist gut oder schlecht, hopp oder topp, die Wette gilt!

Auch Jan-Hendrik Olbertz sitzt an diesem Tag mit im Raum, nach der Sitzung spaziert er mit Birgitta Wolff am Adorno-Denkmal vorbei zum Campus-Restaurant Sturm und Drang. Olbertz ist ehemaliger Präsident der Berliner Humboldt-Universität und wie Wolff ein Seitenwechsler: Olbertz war mal Kultusminister in Sachsen-Anhalt, Wolff folgte ihm auf diesem Posten und war dort anschließend Wissenschaftsministerin. Sie hat Olbertz als Berater hinzugezogen. "Schreiben Sie bloß nicht ›Berater‹", wehrt er sich. Managementvokabular ist an deutschen Universitäten nicht wohlgelitten; die Sorge, ein hehres Bildungsideal auszuverkaufen, sitzt tief. Deswegen nennt er sich lieber: "Parabolspiegel".