Ihre neueste Erfindung heißt Rüdiger. Rüdiger ist ein knallroter Hummer, dessen Scheren abwechselnd klappern, wenn man an einer roten Schnur zieht. Die Firma wollte ein Spielzeug entwickeln, das zu Norddeutschland passt, zum Meer. Ein Mitarbeiter fragte: Warum nicht einen Hummer? Das geht doch gar nicht, meinten die anderen, viel zu kompliziert. Aber dann begannen sie zu zeichnen, bauten ein Modell aus Holz, tüftelten daran herum, und jetzt ist Rüdiger auf dem Markt, Artikelnummer 54904, er verkauft sich bestens.

Trotzdem ist Gerhard Gollnest, Mitgründer und Geschäftsführer des Spielzeugherstellers Gollnest & Kiesel, kurz Goki, in diesen Tagen kein wirklich glücklicher Mann. Klar, das Weihnachtsgeschäft läuft gut, jeden Tag verlassen 500 bis 600 Pakete das Lager in Güster östlich von Hamburg und versorgen die Spielzeugfachhändler mit neuer Ware. Aber in den vergangenen Jahren hat sich etwas Grundsätzliches verändert in der Spielzeugwelt: Die kleinen Fachgeschäfte sterben. Und an ihre Stelle tritt ein Riese, mit dem Gollnest schlechte Erfahrungen gemacht hat. Der 61-Jährige sagt:

Wir haben zu unseren Händlern ein Vertrauensverhältnis, kennen ihre Familiengeschichten, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, versucht man zu helfen. Das fällt bei Amazon weg. Es geht nur noch um den Preis, um Marktmacht. Wir können mit denen auch nicht mehr über die Qualität unserer Ware reden, das ist für die völlig uninteressant. Auf der anderen Seite sitzt keiner mehr, der Ahnung hat. Es geht ausschließlich um Zahlen.

Vor 36 Jahren gründete Gollnest mit Fritz-Rüdiger Kiesel den Holzspielzeughersteller Goki, heute einer der drei größten in Europa. Damals war gerade ihre Ausbildungsfirma pleitegegangen. Von einem einfachen Lager in Wilhelmsburg aus verkauften sie das erste Spielzeug, das Kiesel in China erstanden hatte. Anfangs nahmen ihnen manche Inhaber von Spielzeugläden die Ware vor allem aus Mitleid ab, sagt Gollnest. Aber sie lernten die Kunden persönlich immer besser kennen, bauten Vertrauen auf. Damals gab es noch 13.000 Spielzeugläden in Deutschland. Heute sind es 3.000, jedes Jahr müssen Dutzende schließen. In der Hamburger Innenstadt gibt es kein einziges inhabergeführtes Spielzeuggeschäft mehr. Die hohen Mieten sind schuld. Und die Revolution des Online-Handels. Mehr als jedes dritte Spielzeug wird inzwischen im Netz gekauft. Das ist meist billiger und bequemer.

Es ist ein sehr ungleicher Kampf. Die Konkurrenz im Internet muss nur Lagerflächen bezahlen, keine Ladenmieten. Sie muss keine Fachverkäufer entlohnen, sondern nur Picker, die die Ware aus den Regalen holen. Und sie zahlt kaum Steuern.

Wie fast alle Spielzeughersteller hat auch Goki mit Amazon zusammengearbeitet, vier Jahre lang. Hat den weltgrößten Online-Händler mit seinen Produkten beliefert, der sie dann über seine Seite verkaufte. Es war eine bittere Erfahrung für Gerhard Gollnest.

Ich finde das Internetgeschäft generell unsympathisch, auch aus ökologischen Gründen. Aber die wesentliche Frage ist die der Macht: Was die mir auf den Tisch gelegt haben, konnte ich guten Gewissens nicht unterschreiben. Ich habe gesagt: Zu solchen Bedingungen arbeite ich mit niemandem zusammen. Es gab wieder neue Forderungen, wir sollten einen hohen Prozentsatz Extrarabatt einräumen, mit drei Stellen nach dem Komma. Das war der Moment, wo ich gemerkt habe: Da ist eine Maschine unterwegs. Aber ich verhandele nicht mit Maschinen.