Erst der Streit über Pegida machte unserer Autorin klar, wie wenig sie eigentlich über ihre Eltern weiß. Dann endlich fragte sie nach.

Vor ein paar Monaten las ich, wie viele andere, Didier Eribons Rückkehr nach Reims. Die Sommerferien gingen zu Ende, ich verbrachte mit meinen Kindern noch ein paar Tage an der Ostsee. Es war unglaublich warm, fast windstill, das Meer manchmal spiegelglatt. Die ganze Zeit erzählten wir uns von unserem ersten Urlaub in Frankreich ein paar Wochen vorher. Rückkehr nach Reims hatte ich dort als eine Art Landeskunde lesen wollen, trug es auch mehrmals zum Strand, um dann doch lieber im Atlantik schwimmen zu gehen. Jetzt aber, an der Ostsee, las ich es atemlos. Und Eribon rannte bei mir offene Türen ein, oder besser: Türen, die lange verschlossen waren. Überrascht stellte ich fest: Eribons Rückkehr zu den eigenen Wurzeln gehörte für mich nicht nach Frankreich, sondern hierher, nach Ostdeutschland.

Was aber hat die Biografie eines 20 Jahre älteren berühmten französischen Soziologen mit einer unbekannten Ostdeutschen zu tun? Nichts und sehr viel. Ich bin weder homosexuell noch Universitätsprofessorin, aber ich komme wie Eribon aus einer Arbeiterfamilie in der Provinz, die ich auf ähnliche Weise hinter mir gelassen habe, um in einem intellektuellen Milieu Fuß zu fassen. Gleichzeitig ist das, was man als Kind von Arbeitern vor und nach dem Mauerfall war, etwas komplett Verschiedenes – und weniger linear erzählbar als eine westliche Aufsteigerbiografie. Die Scham der eigenen Herkunft gegenüber setzte bei mir erst nach 1990 ein. Anders als Eribon habe ich den Kontakt zu meinen Eltern nie abgebrochen, aber ihrer Lebenswelt bin ich mit vergleichbarer Vehemenz entflohen. Ich lebe als freie Lektorin in Berlin-Prenzlauer Berg. Weit weg, nicht nur räumlich. Eine Auseinandersetzung mit meinem Vater über Pegida machte mir klar, wie wenig ich über meine Eltern, ihr Leben weiß. Seither will ich wieder eine Verbindung herstellen: zwischen ihrer und meiner Gegenwart und unserer gemeinsamen Vergangenheit.

"Banlieue" hätte keiner zu der Gegend gesagt, in die meine Eltern und ich Mitte der siebziger Jahre zogen. Aber ich hatte die fünfstöckigen Blocks am Rande eines Dorfes nahe Karl-Marx-Stadt unmittelbar vor Augen, als ich Eribons Beschreibung von Muizon las, der kleinen Stadt, in der seine Eltern lange Zeit wohnten und die zum Ausgangspunkt seiner Selbstbefragung wird: "eine Karikatur der Zersiedelung, einer dieser semiurbanen, von Feldern gerahmten Räume, von denen man nicht weiß, ob sie noch Land oder schon zu dem geworden sind, was man gemeinhin Banlieue nennt". Bei unserem Einzug waren einige Wohnblocks noch nicht fertig, Eisenstangen ragten aus dem Beton. Bei ungünstigem Wind wehte der Geruch von Mist aus der nahen Schweinemastanlage herüber.

Dennoch: Die Wohnung muss ein Glücksfall gewesen sein. Mein Vater arbeitete in der gerade neu errichteten Gießerei, meine Mutter in der Textilfabrik. Wir hatten fließend warmes Wasser, Innentoilette, Fernwärme – ganz anders als meine Großeltern, deren Wohnungen bis zum Mauerfall mit Kohle beheizt wurden. Ihre Toiletten lagen über den Hof. Manchmal, wenn ich heute durch unser Treppenhaus in Prenzlauer Berg gehe und die ausgebesserten Dielen vor den einstigen Toiletteneingängen sehe, denke ich an das Plumpsklo meiner Urgroßmutter. Im Winter bitterkalt, im Sommer stinkend. Als Kind übernachtete ich oft bei ihr und traute mich nachts nie hinaus, deshalb stellte sie einen Eimer in das Zimmer, in dem wir im Doppelbett schliefen. Sie auf der einen und ich auf der Seite, auf der früher ihr Mann geschlafen hatte. Uropa August hatte bis kurz vor seinem Tod bei der Wismut Uran abgebaut. Meine Mutter war bei ihren Großeltern aufgewachsen.

Im zweiten Zimmer der kleinen Wohnung von Uroma spielte sich der Alltag ab. Es gab weder Küche noch Bad, nur kaltes Wasser, ein kleines Waschbecken. Die Verhältnisse, in denen die Eltern meines Vaters auf einem Bauernhof lebten, waren ähnlich beschwerlich. Meine Eltern lebten also wesentlich komfortabler als ihre eigenen Eltern und Großeltern. Von einem sozialen Aufstieg hätte in unserem Fall dennoch niemand gesprochen. Es fehlte, anders als in Frankreich oder Westdeutschland, der Resonanzraum. Allen sollte es besser gehen, alle kämpften mit den gleichen Mängeln. Wolfgang Engler beschreibt in Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, wie in der DDR jeder zum Arbeiter wurde: "Die Ostdeutschen lebten in einer Gesellschaft, in der die Arbeiterschaft sozial und kulturell dominierte und die anderen Teilgruppen mehr oder weniger verarbeiterlichten."

War meinen Eltern bewusst, dass Arbeiter, oder vielmehr ein Ideal der Arbeiter, als Vorbild für eine ganze Gesellschaft dienten? Haben sie Selbstbewusstsein daraus ziehen können oder sich über ihre eigene Heroisierung lustig gemacht? Ich weiß es nicht. Meine Eltern haben nicht darüber geredet, und ich habe sie lange nicht gefragt. "Bescheiden" nennt Eribon die kleinen, im Laufe der Jahre eintretenden Verbesserungen seiner Eltern, die trotzdem am unteren Ende der sozialen Hierarchie verharrten – meine Eltern befanden sich trotz bäuerlich-proletarischer Herkunft und bescheidenem Aufstieg in der Mitte einer Gesellschaft.

Das änderte sich 1989. Unsere Wohnsiedlung verwandelte sich in das, was sie nach westlichen Maßstäben immer gewesen war: eine Randzone. Die Textilfabrik wurde zur Hälfte abgerissen, die meisten Arbeiter der Gießerei entlassen. Baumärkte wurden auf die Wiesen gepflanzt. Jetzt ging unser Dorf nahtlos über in die Stadt. Die Berufe, die sich meine Eltern in der DDR erworben hatten, gab es nicht mehr. In kürzester Zeit wurden sie beruflich dorthin katapultiert, wo sie mit 18 Jahren begonnen hatten: sie Verkäuferin, er Eisenbahner. Sie zogen aus unserer Wohnung aus und richteten sich ein paar Dörfer weiter einen alten Bauernhof her.

Für mich begannen die Jahre der Tarnung, wie ich die Neunziger heute nenne. Kurz vor der Wiedervereinigung machte ich Abitur und zog nach Leipzig, um Literaturwissenschaft zu studieren. All die Techniken der Verdrängung, Verschleierung und Verleugnung, die Eribon beschreibt, um "ins andere Lager" zu wechseln, haben sich von da an in mir eingeschrieben. Fast unbemerkt zunächst, denn noch konnte ich im Osten ein bisschen Osten spielen. Dann, als ich 1996 in den Westen zog, versuchte ich alles Mögliche zu sein, nur kein ostdeutsches Arbeiter-und-Bauern-Kind. Denn weder als Ostdeutsche hätte ich mich getraut, auch nur einen Fuß in den deutschen Literaturbetrieb zu setzen – noch als jemand, der, wenn auch nicht von ganz unten, so doch von ziemlich weit unten kam.

Meine wichtigsten Begleiter, die mir halfen, im Westen nicht aufzufliegen, wurden die Sprache und das Lächeln. "Sprich hochdeutsch", hatte mein bildungsbewusster Vater früher immer gesagt. Das kam mir jetzt zugute, während ich mein Vokabular permanent updatete und upgradete. Machte ich bei Familienfeiern im Osten doch einmal den Mund auf, trat kurz Stille ein, als hätte jemand das Radio angeschaltet, bevor meine Abgehobenheit mit "Du redest wie die Wessis" kommentiert wurde. Fragte dagegen im Westen jemand nach, woher ich käme, sollte ich mich durch das Lob, ich hätte mir den Dialekt aber gut abtrainiert, geehrt fühlen. Das undurchdringliche Lächeln, das ich in solchen Momenten aufsetzte, half mir, beides abzuwehren: die herablassende Bemerkung und den Gedanken an meine Eltern, die nach der Wende wieder viel stärker angefangen hatten zu sächseln.