Im April 2010 schaltete Elie Wiesel ganzseitige Anzeigen in der New York Times, der Washington Post und dem Wall Street Journal. Sie enthielten ein Manifest für Jerusalem, ein Plädoyer für die jüdische Souveränität über die Stadt: "Jerusalem steht über der Politik. Die Stadt wird mehr als sechshundertmal in der Bibel erwähnt – und kein einziges Mal im Koran. (...) Für viele jüdische Theologen ist sie die jüdische Geschichte (...). Sie gehört dem jüdischen Volk. (...) Jerusalem ist das Herz unseres Herzens, die Seele unserer Seele."

Den jüdischen Reaktionen auf Trumps Jerusalem-Entscheidung lag zumeist eine ähnliche Einstellung zugrunde. In der ZEIT von vergangener Woche schreibt Zeruya Shalev in diesem Sinne, dass Jerusalem bereits "vor dreitausend Jahren" unsere Hauptstadt war. Es habe einen jüdischen König in Jerusalem "Hunderte von Jahren vor Mohammed, vor dem Koran" gegeben. Trumps Erklärung stelle nicht nur "historische", sondern auch "literarische Gerechtigkeit" her.

Diese vertrauten Klischees sind grob vereinfachend und irreführend. Zum einen ist das Herz unseres Herzens die Thora, und in der Thora kommt Jerusalem nicht vor. Andere städtische Zentren sind in dem Buch bedeutsam: Hebron ist stark mit Abraham verbunden, und in Bet-El wurde Jakob höchst symbolisch in "Israel" umbenannt. Moses hat nie von Jerusalem gehört und Josef nie von ihm geträumt. In der Theologie der Thora glänzt Jerusalem durch Abwesenheit.

Jerusalem gewinnt erst an Bedeutung, nachdem die Israeliten einen König verlangen, "wie ihn alle Völker haben" – nachdem sie also von einer weltlichen, politischen Obrigkeit regiert werden wollen statt unmittelbar von Gott (1. Sam 8, 5). Samuel versteht diese Forderung als einen götzendienerischen Akt des Betrugs, ein Urteil, das eindeutig auch dasjenige Gottes ist. Mit Verweis darauf, dass die Israeliten "anderen Göttern gedient" und ihn in der Wüste "verlassen" haben, erklärt Gott Samuel, dass die Israeliten direkt gegen die Gottheit rebellieren: "sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll" (1. Sam 8, 7–8). Neben dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb ist die Forderung der Israeliten, einen König zu bekommen, "wie ihn alle Völker haben", ein paradigmatisches Beispiel der Bibel für einen Götzendienst – einen der schlimmsten Frevel.

Von diesem Moment der Idolatrie an wird die jüdische Politik in Jerusalem zentralisiert. Mit Bau des Tempels festigte die weltliche Hauptstadt ihre politisch-theologische Macht. Diese Ursprünge haben Jerusalem dauerhaft besudelt: Ein angemessenes jüdisches Verhältnis zu der Stadt kann bestenfalls das einer zwiespältigen Liebe sein und nicht das einer schwärmerischen Identifikation.

Die Größe der jüdischen Propheten besteht auch in ihrer Kultivierung solcher Zwiespältigkeit. Sie wissen, dass Jerusalem nicht die Stadt Gottes ist, sondern ein allzu menschlicher Ort der Geistlichen, Politiker, Könige. Wenn es die Erbsünde der Stadt ist, aus dem Wunsch der Israeliten entstanden zu sein, wie "alle Völker" zu werden, dann ist es das Projekt der Propheten, die Israeliten zum Vorbild der Völker zu machen. Diese Umkehrung von Jerusalems götzendienerischem Vorbild liegt hinter der Formulierung des Propheten Jesaja, die Israeliten sollten durch "Gerechtigkeit" zum "Licht der Völker" werden (Jesaja 42, 6). Doch bleibt diese Umkehrung unvollständig; erst mit der Ankunft des Messias wird Jerusalem selbst zum Modell von Gerechtigkeit und Frieden für alle Völker: "Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. (...) Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." (Jesaja 2, 3–4)

Tatsächlich verbietet das jüdische Gesetz jede jüdische Herrschaft über Jerusalem vor der Ankunft des Messias und der Erfüllung von Jesajas Prophezeiung. In sofern steht nicht nur Trumps Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels, sondern auch Ben-Gurions Verkündung von Israels Unabhängigkeit in scharfem Widerspruch zur jüdischen Religion. Die religiösen Zionisten vergaßen dieses Verbot nicht, sondern machten es vielmehr zur Grundlage ihrer Theologie: Sie erklärten den götzendienerischen zionistischen Wunsch, einen Nationalstaat zu begründen, "wie ihn alle Völker haben", als athalta d’geula, den Beginn der Ankunft des Messias.

Diese Kombination aus Idolatrie und Messianismus hat den Fundamentalismus hervorgebracht, den wir heute von der religiös-zionistischen Siedlerbewegung kennen: eine Heiligung des Staates Israel, verbunden mit einer heidnischen Verehrung von Land. Durch diese giftige Mischung ist Jerusalem wahrlich zum Modell geworden, allerdings zu einem, das sehr weit von Jesajas Vorstellungen von Gerechtigkeit und Frieden entfernt ist.

Dieser messianische Götzendienst ist heute auch außerhalb der Siedlerbewegung oder Netanjahus Regierung weit verbreitet. Avi Gabbay, der Vorsitzende der größten israelischen Oppositionspartei, begrüßte Trumps Entscheidung: "Ein vereinigtes Jerusalem ist wichtiger als Frieden." Eine Woche vorher hatte er bemerkt, Israels Linke habe "vergessen, was es heißt, ein Jude zu sein". Gabbays Kommentare liegen auf einer Linie mit Wiesels Vorstellung, Jerusalem stehe "über der Politik", weil es "das Herz" eines jüdischen "Herzens" sei. Eine verhängnisvolle Form von götzendienerischem Messianismus prägt zunehmend den jüdischen Konsens.

Unlängst erklärte mir der israelische Literaturwissenschaftler Nissim Calderon: "Jeder, der auch nur ein wenig Ahnung von der modernen hebräischen Literatur hat, sollte wissen, dass unsere hellsten Köpfe Jerusalem als Symbol für den neuen und souveränen Juden abgelehnt haben. Agnon in Gestern, vorgestern, Brenner, Alterman – ängstlich, widerwillig und ablehnend schrieben sie über Jerusalem." In der Tat hatten sie alle, wie die Propheten, ein misstrauisches Verhältnis zu der Stadt – oder bestenfalls wie Agnon eines von zwiespältiger Liebe. Shalev hingegen sieht in Trumps Jerusalem-Erklärung einen Ausdruck "literarischer Gerechtigkeit" und wünscht sich lediglich, sie wäre aus Obamas Mund gekommen statt aus dem des "lächerlichen und gefährlichen Präsidenten". Literarisch aber passt es nur zu gut, dass der Immobilienmogul im Weißen Haus die vulgäre Verwandlung Jerusalems in ein Goldenes Kalb vorantreibt.

Es ist nicht Israels Linke, die vergessen hat, was es heißt, ein Jude zu sein. Jerusalem hat nie über der Politik gestanden und war nie das Herz unseres Herzens. Die unverzichtbaren Säulen des Judentums, das sind die Bedeutung der Thora und die Gerechtigkeitslehre der Propheten. Doch die Neigung, sie durch einen Jerusalem-Götzendienst zu ersetzen, ist uns von Beginn an vertraut.

Aus dem Englischen von Michael Adrian