Weihnachten naht! Neubeginn des symbolischen Zyklus von Unschuld, Schuld, Leid, Erlösung. Hier bei uns im allerchristlichsten Abendland – aber auch anderswo – die Feier der Geburt eines Opfers ganz besonderer Art, jedenfalls aber: eines Menschenopfers.

Weihnachten existiert, so viel ist sicher, auch ohne schneebedeckte Stadl und den Ho-ho-Weihnachtsmann mit dem Sack des Konsumgüterindex und ist mit dem bloßen Saufen gezuckerten Billigweins vor LED-blinkenden Holzbuden und dem Aufhängen von roten Stiefeln am Balkongeländer nicht getan. Deshalb seufzt alljährlich die Christenheit über sich selbst und die satanischen Verführungen des Kapitalismus, denen sie abermals erliegt. Und die PfarrerInnen holen die alten Texte über das Innehalten in schnelllebiger Zeit aus den mit Sternenstaub geschmückten Ordnern ihrer Festplatten. Elmar Gunsch spricht noch einmal zu uns aus der Mediathek, und früher oder später schwebt unweigerlich der kleine Lord vom Himmel herab in die stillen Tage vor der Abreise ins Skiparadies.

Das Paradies, innen und außen

Religion ist, wenn der Mensch sich fürchtet. Dialektischer formuliert: Ergebnis und Ursache der Furcht. Diese Aussage wird sicherlich von vielen händeringenden Pfarrern, Imamen und Rabbinern bestritten, von den amtlichen Glaubenskommissionen ganz zu schweigen. Denn wer reinen Herzens ist, sagen sie, soll sich dem einen Gott immerzu in Freude und nicht mit Beklemmung nähern. Dies dürfte allerdings eine Spiegelung an der Höhlenwand unserer Seele sein, sprich: unseres intrakraniellen Mandelkerns, in welchem die Gefühle, Sorgen und assoziativen Verknüpfungen wohnen bei Menschen, Hunden und Affen, aber bisher nicht die Spur eines Heiligen Geistes vermessen werden konnte.

Das Paradies darf man sich (nur bildlich, liebe Kreationisten!) als den Lebensraum des vegetarischen Löwen vorstellen, des zufriedenen Wurms und der gutmütigen Tsetsefliege oder auch als eine Art psychiatrisches Krankenhaus: ein jeder so gar nicht nach seiner Art und alle ganz unmittelbar unter dem Himmel. Das brutale Ende dieser schönen Zeit kam schon mit einer relativ geringfügigen Ordnungswidrigkeit (siehe Apfelbaum). Was folgte, war die Aufteilung des Selbst in Ich und Du, Leib und Seele, Geruch und Gedanken. Man gab ihr den gewaltigen Namen "Vertreibung aus dem Paradies". Das Ganze ist natürlich (!) wieder nur ein Reflex der verzweifelten Introspektion, also der Suche nach dem "Verlorenen" in uns selbst: Wäre der Mensch fähig, diese Lücke zu füllen, so wäre er nicht länger das, was er zu sein erträumt vor seinen Göttern – er wäre sein eigener Gott oder jedenfalls der wichtigste Teil davon.

Das klingt kompliziert und ist es auch. Das ist aber nicht meine Schuld, sondern die der Konstruktion unserer Gehirnhälften, die sich immerzu miteinander und daher auch mit allen anderen vergleichen und deshalb niemals wissen, wer sie sind, außer manchmal ein bisschen: in Rausch, Sog, Ekstase, Kampf und Tod.

Warum haben Rinder keine Religion? Mag sein, liebe LeserInnen, dass Ihnen die Frage seltsam erscheint. Beantworten Sie sie bitte trotzdem probeweise – ganz spontan und unambitioniert. Sie werden feststellen, dass es so einfach nicht ist. Wenn Rinder Religion hätten, wären sie wie wir, und wir dürften sie nicht zu Abermillionen an ihren Füßen aufhängen, aufschlitzen und zu grobem Brei für fünf Euro das Kilo verarbeiten. Wenn sie aber keine Religion haben: Was macht den Unterschied? Die Gläubigen sagen: der Wille Gottes. Das ist aber über alle Maßen zirkelschlüssig.

Viele Götter und ein Gott

Als die Menschen viele Götter hatten, war manches einfacher: ein Gott für den Zorn, einer für die Krätze, einer für die Ernte und einer für die Jagd, eine Göttin für die Überschwemmung, eine für die Liebe und gleich mehrere für den Tod. Da wusste man, was man hat und was nicht und wem man was zu opfern und zu verdanken hat. Denn darum geht es: Wie kriege ich es hin, dass das Unglück ausbleibt und das Glück von Dauer ist? Wie werde ich immer satt und niemals hungrig? Warum tut es so weh, wenn ich sterbe, und wohin fliegen meine Erinnerungen, wenn der Körper verwest, in dem sie wohnen?

Der Vorteil, wenn hinter jedem Busch ein Gott sitzt, der sich mit den anderen Buschgöttern über den Lauf der Welt streitet (siehe Homer: Ilias), liegt auf der Hand: Die Kräfte des Schicksals, die sich im unerforschten synaptischen Zwischenraum zwischen Zahnweh und Sternen, Geburt und Erdbeben verwirklichen, sind in dieser Welt allesamt nicht beherrschbar, aber doch verhandlungsbereit (siehe Odysseus; Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung). Und der kleine Mensch kann zusehen, wie sich um ihn her die Götter streiten und ihren überaus irdischen Geschäften nachgehen. Dieser empirisch anstrengenden Idee kam an einer anderen Ecke des angeblich "christlich-jüdischen" Weltenkreises vermutlich Babylon plus Ägypten dazwischen: Gottkönige, ganz allein. Aber auch sie noch immer von dieser Welt, bis sie schließlich mit dem Jahwe (JHWH) des Alten Testaments verschmolzen. Die abertausend kleinen Götter für die kleinen Sorgen wurden zu Teufelszeug erklärt, die Leute schmuggelten sie erst später als Engel und Heilige in den Alltag zurück.