Der Maler öffnet gut gelaunt die Tür zu seinem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei. Auf dem Boden sind Farbkleckse zu sehen, auf den Tischen stapeln sich Totenschädel, Spielzeugpferde und Gliederpuppen. In der Ecke liegt Stroh aus dem Tierhandel – das braucht Michael Triegel als Vorlage für sein neuestes Gemälde.

Frage: Herr Triegel, Sie malen zurzeit einen gewaltigen Weihnachtsaltar im Auftrag des Bistums Würzburg. Gehen Sie zur Einstimmung eigentlich auf den Weihnachtsmarkt?

Michael Triegel: Um Himmels willen! Nein, das könnte ich nicht ertragen.

Frage: Warum nicht?

Triegel: Es gibt da ein grundsätzliches Problem, das ich mit der Art und Weise habe, wie Weihnachten heute gefeiert wird. Der Weihnachtsmarkt wuchert über die Stadt. Es wird alles größer, lauter, bunter. Das halte ich nicht aus. Zum Glück habe ich mein Atelier, da kann ich mich davor verschanzen.

Frage: Und dort wollen Sie das Wahre, Ursprüngliche des Festes retten?

Triegel: Ich glaube, das kann ich gar nicht. Ich kann nur mein eigenes Bild, meine eigene Vorstellung von Weihnachten malen, als Gegenentwurf zu diesem großen Wahnsinn.

Frage: Über Ihrem Weihnachten liegt offensichtlich Schwere. Das Bild, an dem Sie arbeiten, zeigt das Christuskind, es ist gerade erst geboren, aber über ihm schwebt schon ein Kranz aus Totenköpfen.

Triegel: Ja, ich kann Weihnachten nicht nur als Geburt zur Fröhlichkeit hin sehen – da sind auch Fremdsein, Kälte, Entbindung im Stall. Ein Bild mit Eselchen, das liebe Christuskind in der Mitte, und alles ist schön? Der Heiland ist geboren, das Licht der Welt ist da? Das ist mir zu eindimensional. Eine kranke Welt bedarf der Heilung. Für mich ist jede Geburt der erste Schritt zum Sterben hin. So ist es doch, im echten Leben und theologisch ohnehin. Ohne Geburt keine Passion, ohne Passion keine Auferstehung.

Frage: Die Geburt als ersten Schritt zum Tod zu betrachten – das klingt unendlich traurig.

Triegel: Das ist es. Deshalb brauchen wir Hoffnung. Wenn ich sagen würde: Ach, es ist alles so wunderschön – dann brauchte ich nicht zu malen. Ich kann Schönheit nur begreifen vor einer dunklen Folie.

Frage: Wollen Sie provozieren?

Triegel: Bloße Provokation wäre mir zu billig. Ich frage mich: Wie kann ich das Klischee beglaubigen? Wie kann ich es verlebendigen? Nehmen Sie die Figur der Maria: Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert wurde sie oft genug idealisiert dargestellt. Das kann ich heute nicht mehr machen. Ich wollte eine Maria malen, von der man das Gefühl hat: Die könnte es geben. Ich habe deshalb meine Tochter Modell sitzen lassen.

Frage: Ihre eigene Tochter?

Triegel: Ich male das, was ich am meisten liebe. Auch das Jesuskind auf meinem Bild ist kein idealisiertes Baby: Es ist mager, mit aufgeblähtem Bäuchlein, Armen und Beinen wie ein Hähnchen. So sehen Neugeborene nun mal aus. Ich wollte keinen Putten-Jesus malen – mit dicken Schenkeln, seligem Lächeln und roten Backen. Als ich nach einem Modell gesucht habe, habe ich bewusst keine erzkatholische bayerische Familie gefragt. Für die wäre es vielleicht das Größte, wenn man ihr Kind als Herrn und Heiland malen würde.