So kurz vor Jahreswechsel stehen gute Vorsätze hoch im Kurs. Doch mit einer Ankündigung, wie sie am vergangenen Freitag im großen Schwurgerichtssaal des Wiener Landgerichts für Strafsachen präsentiert wurde, hatte zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet: ein Teilgeständnis im Buwog-Prozess, der mit der Lucona-Affäre und dem Noricum-Skandal zu den größten politischen Kriminalfällen der Zweiten Republik zählt. Eine Verlautbarung, die zugleich den Prominentesten in der 14-köpfigen Phalanx auf der Anklagebank schwer belastet: den früheren Finanzminister Karl-Heinz Grasser.

Acht Jahre lang kreisten die Ermittlungen rund um die Privatisierung von 60.000 Bundeswohnungen, bei denen 9,6 Millionen Euro an Provisionen geflossen sind. Die laut Anklage mutmaßlichen Empfänger: der beim 2004 abgeschlossenen Deal amtierende Minister Grasser, sein Trauzeuge Walter Meischberger, der Immobilienmakler Ernst Karl Plech und der Ex-Lobbyist Peter Hochegger. Dazu gesellt sich eine Riege von Mitangeklagten, die seit 12. Dezember wegen vermuteter Untreue, Beweismittelfälschung, Bestechung oder Bestechlichkeit vor Gericht stehen.

Die Anklageschrift hat 825 Seiten und einen Haken: Beweise für Schmiergeldflüsse an Grasser und Plech fehlen. Und damit der Anhaltspunkt für die entscheidende Frage, wer den Käufern der Wohnungen, einem Konsortium rund um den Immofinanz-Konzern, den Tipp gegeben hat, wie hoch das Angebot sein muss, um die Konkurrenz bei der Ausschreibung knapp zu überbieten. Gesichert ist: Hochegger, der vermeintliche Strippenzieher des Geschäfts, hat die Insiderinfo von Maischberger bekommen und weitergegeben. Doch woher hatte sie Maischberger? Vom damaligen Minister Grasser, glaubt die Staatsanwaltschaft. Doch dafür hatte sie bislang nicht viel mehr als eine – wenngleich dichte – Indizienkette aufzubieten. Alles "Science-Fiction", so hingegen die Verteidiger, ein "Harry Potter für Erwachsene".

Freilich zeigten schon die ersten vier Prozesstage, dass die Strafverteidiger zugleich den Plan B vorbereiteten: Sie starteten mit einer Endlosschleife an Ablehnungsanträgen, die im Falle einer Verurteilung später vor höheren Instanzen als Befangenheits-, Nichtigkeits- oder Verjährungsgründe angeführt werden könnten. Zuvor noch wurde ein Medienrechtsanwalt mit einem Gutachten beauftragt, das eine öffentliche Vorverurteilung beweisen sollte.

Mehr als der zähe Prozessverlauf waren es auch die eigenwilligen, bunten Anzugmodelle mancher Anwälte, die am vergangenen Freitag viele Kommentatoren beschäftigten – bis um 13.03 Uhr Leonhard Kregcjk, der Pflichtverteidiger von Peter Hochegger, erklärte: "Mein Mandant wird sich in der Hauptverhandlung teilschuldig bekennen." Hochegger wisse, dass "Meischberger beim Buwog-Deal Gelder an Magister Grasser und Kommerzialrat Plech weitergeleitet hat".

Ein angekündigtes Teilgeständnis inklusive Belastung von Mitangeklagten fällt rechtlich zwar nicht ins Gewicht. Erst im Januar wird Hochegger voraussichtlich selbst aussagen und seine Version glaubhaft und im Detail schildern müssen.

Im Kern soll es so abgelaufen sein: Von den 9,6 Millionen Euro hat Hochegger ein Viertel selbst eingesteckt und den Rest an eine US-Briefkastenfirma überwiesen – 300.000 Euro, die zusätzlich auf Hocheggers Konto gelandet sind, erklärt sein Anwalt mit einem "Buchungsfehler". Bekannt war zwar längst, dass die anderen 7,2 Millionen Euro über die USA auf drei Liechtensteiner Konten verteilt wurde. Doch bislang beharrten alle Beteiligten auf der Darstellung: Grasser und Plech hätten mit alldem nichts zu tun.

Aus dieser Verteidigungslinie ist Hochegger nun ausgeschert: Ein Jahr nach dem Verkauf der Buwog-Wohnungen habe er "über eine Indiskretion" erfahren, dass Maischberger, Grasser und Plech das Geld unter sich aufgeteilt hätten. Das heißt aus seiner Sicht zugleich: An einem gemeinsamen Tatplan, den die Korruptionsstaatsanwaltschaft anführt, sei Hochegger nicht beteiligt gewesen.

Hätten es die Verteidiger riechen können, dass einer ausschert? Tatsächlich hatte sich Hocheggers Anwalt schon beim Auftakt den Ablehnungsanträgen gegen die Richterin nicht angeschlossen. Kontakt zwischen dem Angeklagten, der mit Wollpulli und ausgewaschenen Jeans in den Gerichtssaal kam, und seinen früheren Kumpanen gab es dort kaum.

Dafür ist jetzt von seelischer Läuterung die Rede: Hochegger hat bereits eine Verurteilung aufgrund seiner Rolle in der Telekom-Affäre ausgefasst und acht Monate unbedingte Haft abgesessen. Öfter hat der 68-Jährige, der seine Zeit ansonsten zumeist in Brasilien verbringt und Meditation und Spiritualität für sich entdeckt haben will, schon erklärt, das alte Leben als profitgieriger Strippenzieher hinter sich lassen, deshalb reinen Tisch machen zu wollen.

Eine andere, weit profanere Motivation: Ein Kronzeuge darf auf deutliche Strafmilderung hoffen – sofern er tatsächlich entscheidend zur Aufklärung beiträgt.

"Verbessern tut’s die Situation nicht, das ist klar", meinte Grassers Verteidiger Manfred Ainedter zu dem Teilgeständnis. Am Dienstag, nach Redaktionsschluss der ZEIT, muss er erst einmal eine neue Verteidigungslinie präsentieren. Und hoffen, dass nicht weitere Mitangeklagte auf milderungswürdige Geständnisse setzen werden, die seinen Mandanten am Ende um den sauberen Kragen bringen könnten.