Azras kleiner Körper ist vor Aufregung so angespannt, dass ihr Zappeln fast mechanisch wirkt: Die Füßchen der Dreijährigen wippen, ihr Hosenboden rutscht auf der niedrigen Gymnastikbank hin und her, und dem armen Jakob, der links neben ihr sitzt, stemmt sie unablässig den Ellbogen in die Seite – der Bub merkt es nicht. Er ist fast genauso aufgeregt wie seine kleine Freundin. Nur sind seine Hände frei, während die Finger des muslimischen Mädchens einen Schnuller so fest umschließen, dass sich ihre Fingernägel in die weiche Haut der Handinnenfläche bohren.

Der Blick der rund 60 Kinder im Saal fixiert einen großen Mann, der genau da Platz genommen hat, wo sie sonst – wenn das Wetter schlecht ist – vergnügt spielen: unter den schwingenden Ringen im Turnsaal. Nun sitzt da der Nikolaus, auf einem viel zu kleinen Stuhl, genauso kerzengerade wie die Kinder. Wenige Minuten zuvor ist er aus seinem Renault Clio gestiegen, hat hastig eine Zigarette geraucht und sich dann den weißen Kunstbart zurechtgezupft.

Zu lebendig, einerseits, für jemanden, der Jahr für Jahr zuverlässig totgesagt wird, und zu profan andererseits: Von seinem Erscheinen hängt – besonders in Vorwahlkampfzeiten – für viele der Fortbestand der christlichen Leitkultur ab. Die Mitra mit dem eingestickten goldenen Kreuz, der Bischofsstab und der Umhang versinnbildlichen Fragen, die sich gerade in der Vorweihnachtszeit immer wieder stellen: Wie soll in Bildungseinrichtungen mit christlichen Traditionen umgegangen werden, angesichts des wachsenden Anteils Andersgläubiger? Wo beginnt falsch ausgelegte Toleranz? Wo der Verlust der eigenen Kultur?

"Der Advent ist Teil unserer Identität. Die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest ist für uns eine Selbstverständlichkeit, und das soll es auch bleiben. Im Kindergarten, in der Schule, in den Familien und im öffentlichen Leben", erklärte Johanna Mikl-Leitner, ÖVP-Landeshauptfrau in Niederösterreich, unlängst in einer Rede.

"Gerade, weil es immer weniger Christen gibt!", betont der Nikolaus

Symbolfiguren wie der heilige Mann mit dem Bart stehen für die Angst vor dem Identitätsverlust, wie sie Mikl-Leitner skizzierte. Wertfrei betrachtet, vermittelt die Legende des Bischofs, der als Sohn reicher Eltern im türkischen Myra sein gesamtes Vermögen den Bedürftigen stiftete, hingegen Grundwerte, die abseits jeden Glaubens funktionieren. Sein Gedenktag wird in vielen Religionsgemeinschaften gefeiert, in muslimischen nicht.

"Ich kenne jedoch viele Muslime," erzählt der Wiener Soziologe Kenan Dogan Güngör, "die selber unter dem Christbaum sitzen und mit diesen Traditionen kein Problem haben." Wie bei vielen Familien, die nicht- oder andersgläubig sind, haben die Advent- und Weihnachtszeit ihren religiösen Aspekt zu einem Gutteil verloren und werden als Kulturgut gefeiert: "Muslimische Kinder bekommen eben auch gerne Geschenke." Die Befürchtungen, die unter anderem Johanna Mikl-Leitner ausspricht, will Güngör dennoch nicht leichtfertig abtun: In türkischen Leitmedien würden immer häufiger Diskussionen darüber geführt, ob Muslime christliche Feiern begehen dürfen. Er beobachtet die Tendenz zu einer Ideologie der Reinheit: "Es wird immer häufiger gefragt: Was ist islamkonform? Und wo fängt die Christianisierung meines Kindes an?" Eine Diskussion, die zunehmend auch in toleranten Familien in der Diaspora geführt werde, sagt Güngör.

In dem 10.000-Einwohner Ort unweit des Wienerwalds, in dem Azras Kindergarten liegt, leben Menschen aus 40 Nationen. Die großen Fabriken im Umland sorgen seit Jahrzehnten für regen Zuzug von Gastarbeitern. Im Kindergarten bereiten sich sechzig Drei- bis Sechsjährige aus sechs verschiedenen Ländern auf den Nikolausbesuch vor: Umut, Felicitas, Ece, Jermaine, Carlotta, Christoph, Andrea und Assad sitzen neben Azra und Jakob auf den Gymnastikbänken. Probleme mit Kindern aus andersgläubigen Familien habe es noch nie gegeben, genauso wenig mit deren Eltern, erzählt die Leiterin der Institution, Karin Riedl. "Das Martinsfest haben wir dieses Jahr mit Eltern und Kindern gemeinsam in unserer Kirche gefeiert, selbst da sind fast alle gekommen."

Dabei steht das Bekenntnis zu christlichen Traditionen in Bildungseinrichtungen diametral zu den Glaubensbekenntnissen der Kinder dort. Einer aktuellen Studie der Donau Universität Krems zufolge ist die Anzahl der Katholiken in Niederösterreich innerhalb von vierzehn Jahren um zwölf Prozent gesunken: Nur mehr zwei Drittel der Bevölkerung sind katholisch.