DIE ZEIT: Professor Ferguson, alle Welt redet von Netzwerken, Sie auch. Warum eigentlich?

Niall Ferguson: Wenn wir von Netzwerken reden, erliegen wir leicht einer Art technologischem Determinismus, weil wir glauben, dass mit dem Internet etwas ganz Einmaliges entstanden ist. In Wahrheit gibt es soziale Netzwerke natürlich seit Menschengedenken. Nehmen Sie nur das Christentum oder den Islam, das sind riesige Netzwerke. Da sind Ideen "viral gegangen", wie man heute sagt, und haben sich ohne jegliche Technologie über riesige Distanzen verbreitet. Neu ist heute nur, dass unsere Netzwerke viel größer und schneller sind als je zuvor.

ZEIT: Historisch haben sich menschliche Gesellschaften doch viel eher hierarchisch organisiert.

Ferguson: Die meiste Zeit wurden unsere Netzwerke von hierarchischen Strukturen dominiert, das stimmt. Aber immer wieder werden diese Hierarchien erschüttert und geschwächt, und zwar oft von technologischen Veränderungen. Genau das ist vor 500 Jahren geschehen, als die Ideen der Reformation sich durch die Technologie von Gutenbergs Druckpresse ausbreiten konnten. Im Grunde war die Reformation eine massive Netzwerkstörung, deren Auswirkungen sich bis hin zur Aufklärung und zu den beiden Revolutionen in Amerika und Frankreich gezogen haben.

ZEIT: Wie unterscheidet sich die technologische Revolution der Gegenwart von der industriellen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts?

Ferguson: Wenn wir von Netzwerken reden, dann handelte es sich bei der industriellen Revolution um ein weit verteiltes System, und daraus können nur schwer Monopole entstehen. James Watt hat die Dampfmaschine perfektioniert und marktfähig gemacht, aber er wurde dadurch nicht zum Milliardär, weil geistiges Eigentum rechtlich kaum geschützt war. Wer wissen wollte, wie man eine von Watts Dampfmaschinen baut, musste nur lesen können. Seine Zeichnungen und Pläne waren überall verfügbar. Und selbst gegen Ende der Industrialisierung, als in den USA große und schnell wachsende Konzerne wie Carnegie und Rockefeller entstehen, reagiert der Staat ziemlich schnell, indem er das Wettbewerbsrecht verschärft. Im Gegensatz dazu gibt es für die Tech-Riesen aus dem Silicon Valley heute keinerlei Regulierung. Hier gilt einzig und allein das Prinzip, dass der Gewinner alles erhält. So haben ein paar Unternehmen eine Monopolstellung erreicht, die ihnen unvergleichliche Dominanz verschafft. Google als Suchmaschine, Amazon im E-Commerce, Facebook unter den sozialen Netzwerken – und jeder, der von Wettbewerbsrecht spricht, wird ausgelacht. Die Politik wird Amazon oder Google nicht aufspalten, das können Sie vergessen.

ZEIT: Aufspalten vielleicht nicht, aber tatenlos ist die Politik keineswegs. Denken Sie nur an die jüngste Diskussion um das Steuergebaren der Internet-Giganten und das Urteil der EU-Wettbewerbskommissarin gegen Google.

Ferguson: Allmählich wacht auch die Politik auf, das stimmt. Aber mit ein paar heftigen Steuerbescheiden ist die Sache nicht getan. Wenn die Europäische Union das irische Steuermodell abschafft oder Google zur Zahlung von 2,4 Milliarden Euro Strafe verdonnert, dann bedanken diese Firmen sich nicht gerade bei der Kommission dafür, aber um den Verlust ihrer Vormachtstellung müssen sie sich auch nicht sorgen. Sie haben ja mehr Geld als genug.

ZEIT: Die Monopolstellung ist also mehr als ein marktwirtschaftliches Problem?

Ferguson: Sie ist ein riesiges Problem. In der gesamten Menschheitsgeschichte galt der öffentliche Raum als nicht kommerziell. Heute haben wir daraus einen gigantischen Anzeigenmarkt gemacht. Die Suche nach Informationen ist wie der Gang in eine Bibliothek. Durch Google ist das jetzt ein weltweiter Verkaufsraum. Dasselbe sehen Sie in der Veränderung unserer sozialen Netzwerke. Früher hatten wir Clubs und Gesellschaften, den Marktplatz oder die Kneipe, um miteinander abzuhängen und uns auszutauschen. Dieser Raum gehört jetzt Facebook, und Facebook bombardiert uns mit Werbung. Kurz gefasst haben wir also zwei Firmen, Google und Facebook, die den globalen Werbemarkt bestimmen und zugleich auch die Macht haben, den öffentlichen Raum zu dominieren. Das ist ein Zustand, der langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Es kann nicht sein, dass ein Privatunternehmen ein Monopol über unsere persönlichen Daten besitzt und sie einfach weiterverkaufen kann. Das ist schlicht und einfach verrückt. Genauso wie die Tatsache, dass Facebook durch seinen Newsfeed der mit Abstand größte Herausgeber von Nachrichten in der Geschichte der USA ist. Das ist desaströs für den Fortbestand der westlichen Demokratie.