Es wird viel darüber spekuliert, was Sigmar Gabriel wohl machen könnte, wenn es keine Neuauflage der großen Koalition geben sollte oder keinen Minister Gabriel darin. Über seine Pläne ist noch nichts Genaues bekannt, klar ist jedoch, wofür er in besonderem Maße prädestiniert wäre. Gabriel kann schreiben und reden, er ist Stratege, Vordenker und Polemiker. Und weil die SPD davon nicht allzu viele hat, wäre es gut, sie würde eigens für ihn den Posten eines hauptberuflichen Vordenkers einrichten.

Nun hat er es wieder getan. In einer Rede im Umfeld des SPD-Parteitages, die anschließend zu einem Spiegel-Essay umgearbeitet wurde, hat der langjährige SPD-Vorsitzende ein paar ungewöhnliche Thesen zur Zukunft seiner Partei formuliert. Darin findet sich viel sehr Richtiges, etwa wenn er die schwächliche Gegenwehr der Sozialdemokratie gegen das große Geld anprangert oder wenn er die merkwürdige linke Weigerung kritisiert, Leuten die Vaterlandsliebe abzusprechen, die dieses Land erkennbar nicht lieben, also etwa der selbsthasserischen Alternative für Deutschland.

Noch interessanter als Gabriels vernünftige Überlegungen sind jedoch seine imposanten Denkfehler. Die begeht er vor allem bei den Themen Ökologie und Emanzipation. Beides rechnet er der von ihm so genannten Postmoderne zu, mit der es sich die SPD unter den Arbeitern und einfachen Menschen verdorben habe: "Auch die Moderne versprach den Menschen Individualität, Vielfalt, Freiheit und Wohlstand – aber eben geregelt und in Maßen. Das Übermaß, die Radikalität der Postmoderne ist es, die das Unbehagen nährt."

Tatsächlich kam das Behagen einer Mehrheit nicht zuletzt daher, dass viele Minderheiten sich nicht relevant und nachdrücklich äußern konnten. In den guten alten Zeiten der Sozialdemokratie, also den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts, waren die Kinder braver, die Schwulen stiller, die Frauen fügsamer, die Gastarbeiter sprachloser, die Patienten genügsamer und die Stammwähler treuer. Aber warum? Weil sie von Angst, Gewalt und Gewohnheiten klein, still und treu gehalten wurden.

Sigmar Gabriel hat schon recht, es gibt Übertreibungen in der Postmoderne, und die können einem gewaltig auf den Wecker gehen. Doch gab es auch in jenen vermeintlich einfacheren und seligeren Zeiten Übertreibungen. So wurde zum Beispiel zu viel gesoffen und geschlagen, zu viel geraucht und gefressen. Und wie soll man es nennen, wenn Jahr für Jahr Millionen Jungs, die in die Pubertät kamen, von der Panik befallen wurden, vielleicht schwul zu sein oder als schwul zu gelten? Und dass es in jenen Zeiten das Thema Transgender so gut wie gar nicht gab, hatte natürlich nichts damit zu tun, dass Menschen mit anders gelagerter Geschlechtlichkeit erst neuerdings von irgendwelchen Hipstern erfunden wurden, vielmehr wurden diese Menschen seinerzeit in die Ecken des Schweigens oder des Exotismus abgedrängt. Als Diskriminierung noch geholfen hat.

Die Rücksichtnahme auf sexuelle Minderheiten ist im Übrigen keineswegs bloß ein postmodernes Elitenprojekt, nichts, womit man sich erst beschäftigen kann, wenn die wirklich wichtigen Dinge geklärt sind. Sogar Paketboten haben feminine Söhne, weibliche Anteile und lesbische Schwestern. Und die homosexuelle Altenpflegerin möchte sich gewiss nicht entscheiden müssen zwischen gerechten Löhnen und gerechter Sprache.

Gabriel wendet sich gegen die Arroganz der liberalen Eliten, die es zweifellos gibt. Mit Blick auf die USA sagt er: "Wer die Arbeiter des Rust-Belt verliert, dem werden die Hipster in Kalifornien auch nicht mehr helfen." Nun ja. Kann man wirklich sagen, dass die SPD irgendwann mit ihrer Politik auf die Hipster-Milieus deutscher Großstädte gezielt hätte? Mir ist jedenfalls kein Hipster bekannt, der das jemals bemerkt hätte.

Bei seiner Eliten-Selbstkritik übertreibt Gabriel in modischer Abgrenzung von den Grünen und schüttet das Arbeiterkind mit dem Ayurveda-Bad aus. Denn natürlich sind heute auch die "einfachen Leute" keine einfachen Leute mehr. Sie wissen so gut wie jeder großstädtische Akademiker, dass man in den Ruhrwiesen keinen Ölwechsel vornehmen sollte, und sie erfahren spätestens von ihrem Hausarzt, dass sie sich gesund ernähren müssen. Und wenn der Arbeiter in Bottrop zu viel billiges Fleisch isst, dann stirbt am Ende kein Hipster in Berlin an Arterienverkalkung, sondern der Arbeiter in Bottrop.

Auch im Ruhrgebiet sind die Zeiten vorbei, da man einen frühen Tod als Schicksal hingenommen hat; Onkel Erich hat ’ne Staublunge, Tante Hedwig ein offenes Bein, Omma hat Rheuma – auch dort weiß man heute natürlich, dass so was von so was kommt. Da hilft ein bisschen Avocado, und selbst der Chia-Samen ist nur noch zwei Klicks entfernt.

Am tiefsten reicht Gabriels Missverständnis, wenn es um Emanzipation und Familie geht. In seiner erwähnten Rede behauptet er über den Wechsel von der Moderne zur Postmoderne: "Die Familie und die bis dahin gesellschaftlich dominante Ordnung der Geschlechterverhältnisse verlor durch Individualisierung und Emanzipation an Kraft und Relevanz."

Keine ökologisch-postmodernen Übertreibungen

Lassen wir hier einmal die Frage beiseite, inwieweit die Schröder-SPD zur neoliberalen Individualisierung beigetragen hat, die nun so ausgiebig beklagt wird. Wichtiger ist Gabriels Unterstellung, die Familie habe durch Emanzipation an Kraft verloren. Ist es nicht genau umgekehrt? Hat nicht gerade die Emanzipation der Frauen dafür gesorgt, dass es überhaupt noch lebenswerte und liebenswürdige Familien gibt? Hat nicht die Emanzipation der Kinder die Väter aus ihren patriarchalischen Gefängnissen befreit?

Es wird ja neuerdings gern und bei jeder Gelegenheit über die angeblich so verkünstelten und übertriebenen Gender-Abkürzungen gespottet – LGBTQ, womöglich noch mit Sternchen. Und wer wollte leugnen, dass solcherlei zu Verunsicherungen führt. Und doch machen es gerade diese Buchstaben, macht es dieser liberalisierte öffentliche Diskurs möglich, dass an Weihnachten Familien in all ihrer Diversität unterm Baum zusammenkommen können, ohne dass es Mord und Totschlag gibt. Transvestit zu sein oder psychisch labil, exzentrisch oder migrantisch, vegan oder prollig – all das kann heute leichter miteinander leben; diese Toleranz verbindet, sie heilt Familien, sie spaltet sie nicht mehr (so sehr).

Zur Postmoderne rechnet Sigmar Gabriel auch die Ökologie, dazu sagt er mit Blick auf seine Genossen: "Umwelt- und Klimapolitik waren uns manchmal wichtiger als der Erhalt von Industriearbeitsplätzen." Da würde man natürlich gern wissen, wann genau dieses Manchmal in der vergangenen Legislaturperiode stattgefunden haben soll. Schließlich hat die regierende Sozialdemokratie bei der Braunkohle, der Steinkohle und der Autoindustrie alles in ihren Kräften Stehende getan, um marginalen Arbeitsplätzen den Vorrang zu geben vor kardinalen Fragen.

Darum gab es hierzulande seitens der Regierung auch keine ökologisch-postmodernen Übertreibungen, im Gegenteil: Die sozialdemokratische Priorisierung hat entscheidend dazu beigetragen, dass Deutschland klimapolitisch nicht einhalten wird, was seine schwarz-rote Regierung beim Klimagipfel in Paris verbindlich zugesagt hat.

Auf diesem Feld liegen drei Missverständnisse, die Gabriel mit vielen in der SPD, aber auch in der Union und vor allem in der FDP teilt.

Erstens: Das Maß für eine ökologische Politik können gefühlte Gefühle allein nicht bestimmen. Die Natur selbst bleibt davon nämlich völlig unbeeindruckt, sie stellt eine massive materielle Realität dar und ist insofern alles andere als postmodern. Umwelt, Klima und Ernährung kommen nicht – wie es die überkommene soziologische Lehre will – als eine Art Luxusproblem ins Spiel, nachdem alle anderen materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, vielmehr gehen sie allem anderen voraus: Ohne Ökologie ist alles andere nichts.

Zweitens: Die von Sigmar Gabriel zu Recht beklagte Entheimatung vieler Menschen wird durch eine Abwendung von "übertriebenen" ökologischen Ideen keineswegs gebremst, sondern nur verstärkt. Wenn es noch eine Weile so weitergeht, dann wird man die deutsche Landschaft nicht mehr wiedererkennen. Kaum dass das einst ökologisch verheerte Ruhrgebiet die Natur ein wenig zurückgewonnen hat, verliert es sie schon wieder an den Klimawandel und das Artensterben.

Und drittens: Die Entgegensetzung von Arbeiter und Umwelt tut jedoch nicht nur der Umwelt unrecht, sondern auch dem Arbeiter und der Arbeiterin. Denn auch sie werden ihren Kindern irgendwann erklären müssen, warum sie ihnen eine Welt hinterlassen, in der es ebendiesen Kindern schon aus Gründen der ökologischen Zerstörung höchstwahrscheinlich nicht besser gehen wird als ihren Eltern. Im Übrigen sterben auch in den Schrebergärten die Bienen, und die Vögel werden rar. So viele ehrliche Biere kann man gar nicht trinken, um erfolgreich die Lügen zu vergessen, in denen sich unsere Gesellschaft eingerichtet hat. Es gibt eine ökologisch-kognitive Dissonanz – auch bei Arbeitern.

Im politischen Berlin hat sich zum Thema Ökologie eine Blase gebildet, in der auch Gabriel gefangen zu sein scheint. Es erinnert alles fatal an die 2000er Jahre, als Politik und Medien einem doppelten Missverständnis unterlagen: zum einen mit Blick auf die realen Probleme, zum anderen auf die mutmaßlichen Mehrheiten. Seinerzeit dachte man in Berlin überwiegend, Deutschland brauche mindestens so neoliberale Reformen, wie sie Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 begonnen hat – wenn nicht mehr. Und man war überzeugt, dass es dafür Mehrheiten gibt. Beides stellte sich als falsch heraus, die Eigenweltlichkeit der neuen politischen Klasse in Berlin hatte sich erstmals deutlich gezeigt.

Heute verhält es sich ähnlich, erneut werden Problemlage und Mehrheitsverhältnisse in der Blase falsch eingeschätzt, nur geht es diesmal nicht um die Ökonomie, sondern um die Ökologie. Sie wird als etwas Zweitrangiges und im Prinzip schon Geregeltes abgetan, die fundamentale Krise wird oftmals geleugnet. Während der Jamaika-Verhandlungen etwa wurden die Grünen von Journalisten kaum je gefragt, ob sie ökologisch vielleicht zu wenig radikal seien, immer nur, ob sie nicht noch etwas mehr nachgeben wollten, bitte schön. Und als dann das ZDF segensreicherweise eine einschlägige Umfrage in Auftrag gab, waren alle ganz überrascht von den Ergebnissen: Auf die Frage, ob zum Erreichen der Klimaziele auch dann Kohlekraftwerke abgeschaltet werden sollten, wenn das ökonomisch negative Folgen haben könnte, antworteten zwei Drittel mit Ja. 82 Prozent gaben an, gegen den Klimawandel werde international nicht genug getan, während immerhin 52 Prozent der Meinung waren, selbst Deutschland tue hier zu wenig.

Offenbar bewegen sich viele Politiker und Journalisten ökologisch gesehen in einer Sonderwelt.

Wenn die SPD und die Medien ein schlechtes Gewissen haben wegen ihrer Entfremdung vom Arbeitermilieu, so ist das erst einmal etwas Gutes und verdient Respekt. Allerdings ist ein schlechtes Gewissen kein guter Ratgeber. Denn so, wie Sigmar Gabriel es macht, verleugnet er den Zustand der Natur und halbiert das Wesen des Arbeiters. Ein schlechtes Gewissen ist eben noch keine gute Strategie.

Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn die SPD sich mit größerer Kraft als bisher den Ängsten der Menschen bereits da widmete, wo sie entstehen, bei der Furcht vor der Globalisierung und der Digitalisierung – und nicht erst da, wo sich diese Ängste in antiliberale Ressentiments und ökologische Realitätsverweigerung verwandelt haben. Jedenfalls wird es der SPD wenig nützen, das Soziale gegen das Liberale aufzubieten und das Proletarische gegen das Ökologische aufzustacheln, damit verbindet sie nicht, sondern spaltet sich selbst.

Schließlich könnte es ja sogar sein, dass nur etwas mehr Sozialismus den Liberalismus retten kann. So, wie Gabriel es bislang macht, bringt er eher die Grünen auf zwanzig Prozent als die SPD auf dreißig. Aber das soll unsere Sorge nicht sein. Man fragt sich nur, was eigentlich all die anderen Vordenker der deutschen Sozialdemokratie darüber denken.