Welcher Sound ist angemessen zur Vertonung des Leids? Zum Beispiel das der Arbeiter in Blumenplantagen, die sich Haut und Atemwege mit Pestiziden verätzen? Wie klingt ein Angriff auf jene Unterhändler, die im Namen des reichen Nordens Verträge erpressen, die den globalen Süden noch ärmer machen?

Sven Kacirek, Hamburger Schlagzeuger und Komponist, hat sein neues Album mit dem kenianischen Perkussionisten Daniel Mburu Muhuni eingespielt und nach einem Freihandelsabkommen benannt: Economic Partnership Agreement.

Das Werk erklärt in zehn Songs, was es aus seiner Sicht mit dem gleichnamigen Abkommen auf sich hat, das seit der Jahrtausendwende zwischen der EU und den sogenannten AKP-Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifiks verhandelt wird.

Das Vertragswerk kommt nicht gut weg. Wir wurden von den Weltmächten beleidigt oder Zirkel der Armut heißen die Stücke, doch Wut ist nicht die Tonlage. Keine dissonanten Free-Jazz-Attacken, kein Politrock-Geschrammel. Bei Sven Kacirek ist der Sound sanft und hypnotisch, manchmal fast zärtlich. "Ich kann keinen Punk spielen", sagt der studierte Jazzschlagzeuger, Jahrgang 1975. "Das würde falsch klingen. Und wenn die Musik auch noch so eine eindeutige Haltung annimmt, würde es bei diesem Thema schnell kitschig werden."

Kacirek macht Musik mit Glöckchen und Marimbas, er experimentiert mit den Eingeweiden eines geerbten Flügels, schabt, kratzt und klöppelt auf Eis, Papier und Metall, ein Experimentierer mit Formen und Klängen.

Zum Protest ist er über seine Kunst gekommen. Seit zehn Jahren fährt er auf Einladung des Goethe-Institutes nach Kenia, um dort mit Musikern zusammenzuarbeiten. Seine Kenya Sessions von 2011 – Field-Recordings, die er zu Hause in Wilhelmsburg bearbeitet hat – haben ihn über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt gemacht.

Mit der kenianischen Sängerin Ogoya Nengo ist er mehrmals durch Europa getourt. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass auch diese Form von Kulturaustausch geprägt ist von einer "kolonialen Struktur", die ihren schärfsten Ausdruck in den Freihandelsabkommen zwischen globalem Norden und Süden hat. Die Musiker, mit denen er in Kenia spielt, traf er oft in ländlichen Gebieten mit kleinbäuerlicher Struktur.

Als die EU im Zuge der Verhandlungen um das EPA-Freihandelsabkommen Strafzölle für Blumen und Kaffee gegen Kenia erhob, weil die kenianische Regierung ihre Unterschrift verweigerte, erlebte der Hamburger Musiker die Folgen hautnah: Bauern mussten um ihre Existenz kämpfen, Unternehmen gingen pleite.

Den Leidtragenden eine Stimme geben: Das ist das Ziel dieses Albums. Kacirek hätte gern auch mit jenen gesprochen, die in Kenia politisch für das Freihandelsabkommen mit der EU eintreten – aber die Unternehmer und Politiker wollten nicht. Übrig blieben Kleinbauern, Arbeiter aus der kenianischen Blumenindustrie – 80 Prozent der in Deutschland verkauften Rosen stammen aus Kenia – und Aktivisten von NGOs wie Oxfam sowie Unterhändler, die von den Verhandlungen mit der EU berichten. 15 Stunden Interviewmaterial nahmen Kacirek und Muhuni auf, und auch wenn die zehn Stücke zusammen knapp 45 Minuten ergeben, erfährt man viel über das Leben und Arbeiten im ländlichen Ostafrika.

Vor allem aber nimmt die Musik die Stimmen derer ernst, die von diesem Leben berichten. Kacirek und Muhuni spielen die Sprachmelodien der Interviewten nach, mit Marimbas, Daumenklavieren, Perkussionsinstrumenten. So wird aus den Erzählungen der Bauern und Aktivisten, aus ihrer Aufregung, ihrem Zorn und ihrer Enttäuschung ein eigener Klang.

Über ein Jahr hat Sven Kacirek an diesem Werk gearbeitet. Und sich zunehmend geärgert: über Politiker, die angesichts der Flüchtlingskrise erklärten, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, und in Verhandlungen wie denen über das Economic Partnership Agreement genau das Gegenteil machen.

Wenn kein anderer solche Widersprüche offenlegt, dann muss schon mal die Kunst einspringen.

Sven Kacirek & Daniel Mburu Muhuni: Economic Partnership Agreement (Pingipung Records). Gratis herunterzuladen unter https://svenkacirek.bandcamp.com/ oder als Vinylalbum im Plattengeschäft