Ringeltaube oder Stadttaube? Das ist die erste Frage, die Maria Hanika stellt, wenn sie angerufen wird. Die Antwort der Anrufer ist meist die gleiche: "Weiß ich doch nicht. Woran soll ich das erkennen?" Also vorweg etwas Vogelkunde: Die Ringeltaube ist ein wildes Tier, nistet meist zweimal im Jahr auf Bäumen und hat, daher der Name, einen weißen Ring um den Hals. Die Stadttaube dagegen: ein verwildertes Haustier, deutlich leichter, brütet bis zu achtmal jährlich, bevorzugt unter Brücken oder auf Fensterbrettern.

Aber so genau interessiert das eigentlich kaum einen, der die 84 20 25 01 gewählt hat, den Tauben-Notruf Hamburgs, den Maria Hanika betreibt. Hauptsache, der verletzte Vogel, der einem auf den Balkon gestürzt ist, verschwindet schleunigst wieder. Selbst anfassen? Bewahre, wer weiß, welche Krankheiten das Viech überträgt.

Die Nachtigall: bewundert für ihren Gesang, huit, karr, taktak. Die Taube: reduziert auf ihre Ausscheidungen, flatsch, flatsch. Vermehrt sich rasant, macht einen kirre mit dem Geflatter, bedeckt mit ihrem Kot alles, Gehwege, Fahrradsattel, Köpfe. Und dieses ständige Guruguruguru, wie soll man dabei schlafen? Gäbe es ein Quartett der unbeliebtesten Stadttiere, die Taube wäre eine der Top-Karten.

Für Maria Hanika aber, eine zierliche Dame mit Pagenschnitt, gebürtig aus Franken, sind die Vögel keine Plage, sondern liebenswürdige Individuen. Und Hanika hat sich vorgenommen, dafür zu sorgen, dass sie in ihrer Stadt, in Hamburg, als solche behandelt werden. Eine Mission, die eine hohe Schmerzresistenz erfordert. Es tue jedes Mal weh, den Hass der Stadtmenschen auf die Stadttauben durchs Telefon zu spüren, sagt sie.

Doch in letzter Zeit hat Hanika auch Grund, sich zu freuen. Ihr Ziel, die friedliche Koexistenz von Taube und Mensch, scheint ihr inzwischen erreichbar. Das liegt nicht so sehr an dem Notruf für einen allseits verfluchten, Pardon, Kackvogel, den sie betreibt. Sondern vor allem an einem für Hamburg revolutionären Konzept, die Zahl dieser Kackvögel zu reduzieren, ohne die Tiere zu quälen. Hanika hat dieses Konzept hierher gebracht.

Die Geschichte von Maria Hanika und den Tauben beginnt im Jahr 2011. Hanika teilte ihre Vier-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Hamm damals schon eine Weile mit drei Graupapageien. Ihren Kindern, wie sie sie nennt: Manfred, Louis und Pünktchen. Tiere, mit denen sie redet und die sie zum Lachen bringen. "Sie haben mich auch für andere Vögel sensibilisiert", sagt Hanika.

Ohne ihre Graupapageien wäre sie wohl nie auf der Straße stehen geblieben, um eine Schar Tauben zu beobachten, die am Boden nach Futter pickten. Als sie genau hinschaute, sah sie, dass in ihren Schnäbeln nur Steinchen knirschten. Sie drehte sich zu ihrem Mann um: "Du, was fressen die eigentlich?" Karl Müller-Hanika antwortete: "Mach dir mal keine Sorgen, die finden schon was." Doch wenn Hanika das Gefühl hat, dass jemand ihre Hilfe benötigt, lässt sie nicht locker. Egal ob bei Mensch oder Tier. Das war immer schon so.

Mit ihrem ersten selbst verdienten Geld übernahm sie mit 17 eine Patenschaft für ein nepalesisches Mädchen. Später kündigte sie ihren Job in einer Werbeagentur und unterstützte pflegebedürftige Alte. Wenn ihre Nachbarn heute verreisen, hütet sie die Chinchillas.

Als Hanika von dem Ausflug mit ihrem Mann nach Hause kam, las sie alles, was sie zu "Stadttauben + Ernährung" googeln konnte. Dabei erfuhr sie, dass sich in Hamburg eine einzige Dame vom Tierschutzbund ein wenig um die Vögel kümmerte, nebenbei. Die Stadt leistet sich einen Schwanenvater, der jedes Jahr seine 120 Schützlinge ins Winterquartier fährt. Die rund 25 000 Stadttauben überlässt sie ihrem Schicksal. Man verjagt sie, stellt Stachelbretter auf, hängt Netze auf, in denen die Vögel ersticken oder sich die Flügel wund schlagen. Und droht allen, die es wagen, Tauben zu füttern, mit bis zu 5000 Euro Strafe.