Der Gotthard-Basistunnel, der im vergangenen Jahr eröffnet wurde, verläuft nicht völlig plan durch den Berg. Sein Scheitelpunkt liegt 90 Meter höher als der Nordeingang und sogar 235 Meter höher als der Südeingang. Er liegt also weiter vom Erdmittelpunkt entfernt, trotzdem ist das Gestein im Tunnel bis zu 50 Grad heiß. Wie kann das sein?

Sicherlich liegt es nicht an den Motoren durchfahrender Autos – der Tunnel ist ein Bahntunnel. Nein, generell ist es unter der Erde wärmer als draußen, unabhängig von der Höhe über dem Meeresspiegel. Die Vorstellung, dass die Temperatur im Erdinneren von der Entfernung zum heißen Erdkern abhängt, ist falsch. Bestimmend ist vielmehr der Abstand von der Oberfläche. Es wird alle 100 Meter etwa drei Grad wärmer. Und da sich über dem Gotthardtunnel bis zu 2.500 Meter Gestein türmen, kann das einen Temperaturunterschied von annähernd 70 Grad ausmachen. Nun ist es auf den Gipfeln der Berge auch kälter als auf Meereshöhe, aber in der Atmosphäre nimmt die Temperatur, von unten nach oben, alle 100 Meter nur um 0,6 Grad ab.

Die Erde strahlt an der Oberfläche ständig Wärme nach außen ab. Je tiefer man kommt, desto höher ist die "Isolationsschicht", die man über sich hat und die diese Abstrahlung verhindert. Dazu kommt die Tatsache, dass ein großer Teil der Wärme gar nicht aus dem Erdinneren stammt, sondern in der Erdkruste und im Erdmantel selbst erzeugt wird, nämlich durch den Zerfall radioaktiver Elemente.

Die Passagiere in den Zügen, die durch den Gotthard-Basistunnel donnern, merken nicht viel von der Erdwärme in den Röhren. Das liegt daran, dass die Züge selbst durch den sogenannten Kolbeneffekt für eine Kühlung der Röhren sorgen – sie drücken die heiße Luft vor sich hinaus und saugen frische Luft von außen an. Es gibt außerdem ein System von Ventilatoren, das im Notfall die Temperaturen erträglich macht. In einigen Schweizer Tunneln wird die Erdwärme sogar als Energiequelle genutzt.

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