Endlich ist der Dämon gefangen. Der Jugendliche hat Platzwunden im Gesicht, man hat ihn blutig geschlagen, doch der Schmerz scheint ihm äußerlich zu bleiben. Auf einen Stuhl gefesselt, sitzt das Monster im Abstellkeller einer Luxusvilla. Eben noch hatte man den bösen Menschen als Unschuld in Person kennengelernt, als höflichen Teenager mit guten Manieren, charmant und einfühlsam, die Tochter des Hauses fand ihn toll, es war Liebe auf den ersten Blick. Jetzt aber richtet ihr Vater das Gewehr auf den Halbwüchsigen, und als wolle er ihm zuvorkommen, vergräbt dieser die Zähne in seinen Unterarm und zerfleischt sich selbst. Er spuckt aus und schreit: "Es ist nur eine Metapher, nur ein Gleichnis!"

Warum ruft er das? Warum triumphiert der Junge? Will er sagen: "Du Idiot, du kannst mich gar nicht umbringen, ich bin dein Schicksal"? The Killing of a Sacred Deer heißt der neue Film des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, und schon der Titel wuchtet schweren antiken Stoff. Ganz langsam, fast unmerklich öffnet sich unter der Oberfläche einer vernünftigen und aufgeklärten Gesellschaft ein abgründiger mythischer Raum voller Leiden und seelischer Qual. Es beginnt eine moderne Tragödie, ein grausames Kammerspiel, ein Albtraum aus Schuld und Sühne. Auch der Zuschauer soll leiden, auch ihm müssen die Augen geöffnet werden, denn auch er ist tragisch verstrickt. Wenn er Glück hat, kommt er mit dem Schrecken davon.

Lanthimos lässt seinen großartig verrätselten Film in der amerikanischen Upperclass spielen, wo es den Premiumbürgern an nichts fehlt, nicht an Geld, nicht an sozialem Ansehen und kulturellem Kapital. Steven Murphy (Colin Farrell) ist ein ebenso tüchtiger wie erfolgreicher Herzchirurg, seine Frau Anna (Nicole Kidman) leitet eine Augenklinik, auch sie blickt auf eine mustergültige Karriere zurück, wie überhaupt Lanthimos’ Vorstadtwelt von mustergültigen Mustermenschen bewohnt wird. Auch Kim und Bob, die beiden Kinder, sind tipptopp, und wie es in dieser amerikanischen Klassengesellschaft so ist, werden sie später einmal in die Fußstapfen ihrer Eltern treten und ein Leben führen in Sicherheit und Wohlstand. Die pubertierende Kim kennt sich aus mit antiker Mythologie und kann bereits einen klugen Aufsatz über Iphigenie vorweisen, darüber, wie Agamemnon seine Tochter opfern soll, nachdem er gegen das Gebot der Götter verstoßen und – The Killing of a Sacred Deer – im heiligen Hain einen Hirsch getötet hat. Keine Schuld ohne Sühne. Die Antike, so scheint es, war nie vorbei. Auch nicht in Amerika.

Film - »The Killing of a Sacred Deer« (Trailer) © Foto: Alamode Film

Bei Lanthimos, und das ist wichtig, hat sich die westliche Moderne vollendet, sie ist almost perfect. Der Kardiologe Steven hat sogar ein Herz für Kinder und kümmert sich nebenher noch um die Halbwaise Martin (Barry Keoghan), einmal schenkt er dem Jungen sogar eine teure Uhr und lädt ihn nach Hause zum Abendessen ein. Martin lebt mit seiner Mutter zusammen; sein Vater hatte zwar einen schweren Autounfall überlebt, war aber während einer Operation unter ungeklärten Umständen verstorben. Martin, der plötzlich ungewohnt aufdringlich wirkt, fordert Steven zum Gegenbesuch auf, zusammen mit seiner Mutter schauen sie auf dem häuslichen Sofa einen Film. "Sie haben so schöne Hände", sagt die Mutter (Alicia Silverstone) und schmiegt sich an ihn.

In heller Panik stürmt Steven davon, und wer es nicht geahnt hat, der weiß es nun: Der Herzchirurg hat Martins Vater auf dem Gewissen. Damals, zum Zeitpunkt des Unfalls, war er dem Alkohol verfallen und stand angetrunken im OP. Steven hat gegen das heilige Gesetz des Lebens verstoßen, und darum fordert der Mythos sein Recht: Der Mann mit dem Agamemnon-Bart muss seine Schuld abtragen und ein Sühneopfer bringen. Entweder, eröffnet ihm Martin mit dämonischem Flackern in den Augen, soll er eins seiner Kinder töten – oder die ganze Familie werde sterben. Erst Bob, dann Kim; ihre Beine werden gelähmt sein, und in der Stunde des nahenden Todes rinne ihnen, wie bei den antiken Rachegöttinnen, das Blut aus den Augen. Das ist der Fluch, der über der Familie liegt, und die von Nicole Kidman mit wundervollem Ernst gespielte Anna scheint dies zu erahnen. Einmal sieht man sie, wie sie am späten Nachmittag die Blumen gießt, sie steht im Rosenbeet, das schräg einfallende Sonnenlicht ist ebenso warm wie unheimlich. Anna sieht nicht aus wie eine Verlorene. Sie sieht aus wie eine Verlassene.

Yorgos Lanthimos betreibt das, was intellektuell saturierte Kreise verächtlich als Kulturkritik bezeichnen. Tatsächlich ist dieser Regisseur eine Art Tendenzbeschleuniger und denkt die moderne Welt im Kino negativ zu Ende. In seinem Film Dogtooth (2009) werden drei Heranwachsende von ihren Eltern gefangen gehalten und in totaler Isolation von der Gesellschaft abgeschottet; sie leben buchstäblich in einem Irrenhaus, ihre Sprache wird manipuliert und den Wörtern eine neue Bedeutung eingehämmert. In The Lobster (2015) bleibt von der alten Welt ebenfalls nichts übrig. Der Film handelt von einem dystopischen Nirgendwo, einem Jenseits der Liebe, in dem Paarbeziehungen zwangsweise organisiert werden. Wer in dem posterotischen Anbahnungsinstitut keinen Partner findet, dem droht die Verwandlung in ein Tier.