Gewissensbisse

© Christian Faustus

8. August 2017 – Ich kann meine Tante in Istanbul nicht erreichen. Weder auf dem Haustelefon noch auf ihrem Handy. Vielleicht ist sie nur früh eingeschlafen? Als sie auch am nächsten Morgen nicht reagiert, dränge ich den Hausmeister, nach ihr zu sehen. Das Alter, sie ist 87, macht ihr zu schaffen. Die Einsamkeit. Und ihre schwere Krankheit. Seit dem Tod meiner Eltern ist sie das größte Inselchen Türkei, das mir geblieben ist. Ein Inselchen, an dem Erinnerungen, Lebens- und Leidensgeschichten hängen wie an einem dünnen Faden. Der Hausmeister muss die Tür aufbrechen lassen. Am Telefon höre ich mit. Er findet sie in der Küche, auf dem Boden, sie ist gestürzt, wieder einmal, und hat es allein nicht auf die Beine geschafft.

Mein erster Gedanke: Ich muss sofort hinfahren. Mit ihr wieder ins Krankenhaus gehen. Mich um sie kümmern. Dann kommen die Wenns und Abers, die mich zögern und zaudern lassen. In der Türkei herrscht Ausnahmezustand. Journalisten sitzen zuhauf in Gefängnissen. Selbst deutsche Staatsbürger werden schikaniert, festgehalten, nicht außer Landes gelassen.

Kassieren die mich direkt ein? Stehe ich auf irgendeiner dubiosen Liste? Missfallen meine Berichte über türkische Themen? Bespitzelt mich irgendjemand? Ich rede mit meiner Familie, berate mich mit Kollegen, Freunden, Juristen. Fahren oder bleiben? Ich liege im Bett. Gewissensbisse. Komm, ich fahre. Besser doch nicht ... Verdammt, was soll ich bloß tun? Denk ich an Türkiye in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.

Der Putsch

15. Juli 2016 – Familienurlaub in Portugal. In den vergangenen fünfzehn Monaten bin ich sehr oft in die Türkei gereist, war immer wieder bei meiner Tante seit ihrem ersten schweren Sturz. Jetzt will ich mal für ein paar Tage auf andere Gedanken kommen. Doch die Putschnacht macht mir einen Strich durch die Rechnung. Und wie! Ich sehe die Eilmeldungen auf dem Smartphone, gucke stundenlang fassungslos türkisches Fernsehen im Internet. Rollende Panzer, entfesselte Menschen, unheilvolles Rattern.

Endlich tritt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf, totenbleich, wie benommen. Sein Schwiegersohn, Energieminister Berat Albayrak, flüstert ihm vor laufenden Kameras mehrfach Antworten zu. Dann sagt Erdoğan diesen merkwürdigen Satz: Der Putsch sei ein "Gottesgeschenk". Fünf Tage später tritt der Ausnahmezustand in Kraft. Schnell wird klar, dass sich Entlassungswellen und Säuberungen nicht allein gegen Anhänger des Predigers Fethullah Gülen richten, der im Verdacht steht, hinter dem Putsch zu stecken. Bald attackiert die Regierung kritische Medien, ihre Journalisten und Mitarbeiter. Ein Rundumschlag, wild und rachsüchtig, gegen alle, die nicht auf Linie sind. Ich beschließe, erst einmal nicht in die Türkei zu reisen, bis die Lage wieder übersichtlicher wird. Wie naiv von mir. Ich habe noch nicht begriffen, was da in Gang gekommen ist.

Der Türkeiversteher

1. Dezember 2016 – Die türkische Regierung kündigt ein Verfassungsreferendum an. Seit Jahren will Erdoğan ein Präsidialsystem einführen. Es geht um schier unbegrenzte Macht unter dem Deckmantel der Stabilität. Ich muss an den aufsehenerregenden Spruch einer AKP-Hinterbänklerin denken. Vor ein paar Jahren hatte sie gesagt, die "neunzigjährige Werbepause" sei zu Ende. Gemeint war die Republik von Staatsgründer Atatürk. Die Erdoğan-Partei sehnt sich nach Einfluss und Ruhm des Osmanischen Reiches. Diese Großmannssucht und Rückwärtsgewandtheit sind mir zuwider. Mal abgesehen davon, dass die Türkei nicht allein auf der Welt ist.

Seit dem Putsch soll ich das Unerklärliche erklären. Alle reden von "Erdo-Wahn". Der Typ sei doch irre. Doch das ist der türkische Präsident ganz sicher nicht. Wer so denkt, tut ihm nicht nur Unrecht, er unterschätzt ihn maßlos und wird seine Türkei niemals verstehen.