Nur jeder zweite Deutsche (55 Prozent), klagt Bild auf Seite eins, will zu Weihnachten in die Kirche. Das ist eigentlich eine gute Nachricht, höhnen doch die Witzbolde, dass die Deutschen bloß dreimal im Leben in die Kirche kommen: zu ihrer Taufe, Trauung und Beerdigung.

Der Trend scheint sich allerdings zu bessern. Vor zwei Jahren, meldete die FAZ, strebten bloß 28 Prozent zu Weihnachten ins Gotteshaus – nicht einmal jeder Dritte. Derweil die Frömmigkeit steigt, sinkt die Zahl der Kirchenaustritte. Die Römisch-Katholischen haben im letzten Jahr zwar 162.000 Mitglieder verloren, aber das waren 20.000 weniger als im Jahr zuvor. Dito bei den Lutheranern: 20.000 weniger Kirchenflüchtige als 2015.

Max Weber, Erfinder der "Säkularisierungsthese", würde sich wundern. Der große Soziologe hatte prophezeit, dass mit der Moderne die "Entzauberung" der Welt einhergehe, mithin der Glaube an das Übernatürliche schwinde und einen Gott, der das Universum lenke. Der aufgeklärte Mensch wisse inzwischen zu viel, um an Wunder wie die Zehn Plagen und die Auferstehung zu glauben.

Nur ist die Aufklärung inzwischen 300 Jahre alt, und die Industrialisierung 200. Dennoch bleibt die große Mehrheit der Deutschen den beiden Kirchen treu: 46 Millionen. Sie mögen nicht an Wunder glauben, aber doch an eine Institution, die bedeutend mehr kostet (Kirchensteuer) als die körperliche Ertüchtigung im Fitnesscenter – und das in einem Land, wo Religion im öffentlichen Diskurs stetig verblasst. Gott findet in der EU-Verfassung nicht statt, und kein Kanzler würde analog zum US-Präsidenten seine Rede mit "Gott segne Deutschland" abschließen.

Und doch. Webers Erben im Soziologie-Gewerbe müssten konzedieren, dass die Kirche in unserer "entzauberten" Welt irgendwie funktional ist; sonst hätte sie nicht eine "Kundschaft" von 46 Millionen – mehr als die Konsum-Kathedrale Amazon mit 44 Millionen. Die Sache ist umso verwunderlicher, als die Kirche im expandierenden Wohlfahrtsstaat so viele Konkurrenzvorteile verloren hat. Caritas? Die verteilt der Staat in Form von Hartz IV. Krankenpflege? Die liefern die städtischen Hospitäler. Seelsorge? Den Therapeuten bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen. Kindergärten und Schulen sind hauptsächlich in staatlicher Hand. All das darf der moderne Mensch genießen, ohne sein Knie zu beugen oder den Pfarrer zu ehren.

Esoterik – Feng-Shui oder Bergkristalle – scheint nicht so richtig zu funktionieren. Auch nicht das atheistische Ritual bei der Beerdigung. Der Trauerredner trägt einen Talar wie ein Geistlicher und spricht mit der gleichen salbungsvollen Stimme. Bach-Kantaten dürfen nicht fehlen. Bob Dylan allein bringt’s nicht.

Jedenfalls glauben zwei Drittel aller Westdeutschen an "einen Gott", was auf eine "Gotteslücke" entlang der Elbe hinweist: In der Ex-DDR bekennt sich nur ein Viertel zum Allmächtigen. Das hat aber wenig mit Webers Säkularisierung zu tun und umso mehr mit vierzig Jahren Akkulturierung unter der weltlichen Heilslehre des Kommunismus. Der West-Mensch, modern und aufgeklärt, geht zu Weihnachten weiter in die Kirche. Warum? Die einen glauben, die anderen lieben das vertraute Ritual, der Rest will sich wohl rückversichern. Denn man weiß nie, ob im Himmel nicht jemand Buch darüber führt, wer betet und wer fehlt.