Hat Deutschland ein neues Antisemitismus-Problem? Besonders unter Musliminnen und Muslimen? Zumindest augenscheinlich haben in den letzten Wochen die verbalen und körperlichen Angriffe auf Juden zugenommen. Gerade an Schulen mit vielen muslimischen Schülerinnen und Schülern sei Judenfeindlichkeit ein wachsendes Problem, der Begriff "Jude" zu einer gängigen Pausenhofbeschimpfung geworden. Jüngstes Beispiel ist das Ende März bekannt gewordene Mobbing gegen ein jüdisches Mädchen an einer Grundschule in Berlin-Tempelhof.

Auch im Kulturmilieu wächst die Sorge vor einer neuen Judenfeindlichkeit. Vergangene Woche wurde dem Deutschrapper Kollegah und seinem deutsch-marokkanischen Mitstreiter Farid Bang der Musikpreis Echo verliehen, obwohl die Texte der beiden antizionistische Verschwörungstheorien und geschmacklose Textzeilen wie "Mein Körper ist definierter als von Auschwitz-Insassen" enthalten.

Der Politologe und Antisemitismus-Experte David Ranan ist in seinem viel debattierten Buch Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? der Frage nachgegangen, ob es wirklich einen neuen Judenhass gibt, der vor allem von den hier lebenden Muslimen transportiert wird. Seine Versuchsanordnung klingt vielversprechend: Ranan, selbst Jude, hat mehr als 70 Interviews mit deutschen Musliminnen und Muslimen geführt, in der Hoffnung, Auskünfte über deren Einstellung zu Juden, Israel und zum Thema Antisemitismus zu bekommen. Die Befragten sind allesamt hierzulande aufgewachsen und besitzen ein hohes Bildungsniveau: Sie haben Abitur, studieren gerade oder haben einen akademischen Grad.

Die Ergebnisse sind nicht beruhigend

Doch schon die einleitenden Kapitel stellen infrage, inwiefern Umfragen und Interviews überhaupt verlässliche Einsichten in die Qualität von Antisemitismus liefern können. Was Antisemitismus ist, wo er anfängt und aufhört, wie man ihn von Antizionismus, Antijudaismus, aggressiver, verfassungsfeindlicher Israelkritik oder harmlosen, kindlich-versponnenen Gemeinplätzen unterscheidet, sei eine Frage der Definition, schreibt Ranan. Wenn also Studien behaupteten, "74 Prozent der Bevölkerung in Nahost- und Nordafrika-Ländern teilten antisemitische Einstellungen" – so eine von Ranan zitierte Untersuchung des Institute for Jewish Policy Research aus dem Mai 2015 –, dann müsse erst geklärt werden, auf welchem Antisemitismus-Begriff solche Zahlen basierten und was sie für das Zusammenleben zwischen Juden, Muslimen und Christen bedeuteten. Der Autor plädiert deshalb für eine gesunde Skepsis gegenüber quantitativen Analysen des Antisemitismus und Medienberichten, die sich auf solche berufen.

Was ist aber mit seiner eigenen Untersuchung? Sind 70 qualitative Interviews mit Musliminnen und Muslimen erhellender als die standardisierte Befragung einiger Tausend? Ranan lässt diese methodische Frage fast 200 Seiten lang unbeantwortet. Stattdessen dokumentiert er einfach, was die Interviewten ihm erzählt haben. Die Ergebnisse sind nicht beruhigend: Viele seiner jungen, gut gebildeten Gesprächspartnerinnen und -partner gingen davon aus, dass Juden über zu viel Einfluss in der Finanzbranche verfügten; dass sie sich gegenseitig stützten, Seilschaften bildeten und zu viel Macht über große Konzerne und Banken besäßen; dass sie die Weltpolitik beherrschten und sich in Geheimverbänden organisierten; dass man sie nicht kritisieren dürfe und sie in Deutschland über mehr (und zu viel) Schutz verfügten als andere Minderheiten. Es ist der bekannte Bodensatz an Klischees über Juden, den man auch in Texten von Rappern wie Kollegah findet (der freilich als Sohn eines Kanadiers und einer Deutschen – anders als sein Partner Farid Bang – nicht in die Befragungsgruppe gefallen wäre.)

Europäischer vs. muslimischer Antisemitismus

Die Zitate sind zweifellos deprimierend. Doch Ranan versucht, ihren antijüdischen Gehalt zu entschärfen, indem er einen definitorischen Unterschied macht zwischen dem europäischen Antisemitismus samt seinen Phantasmen einer jüdischen Übermacht und dem "sachlich sogar nachvollziehbaren Gefühl vieler Muslime, besonders arabischer, dass nur eine überwältigende Macht es dem kleinen Israel ermöglichen konnte, sich mit solchem Erfolg Palästina einzuverleiben".

Ranan trifft diese Unterscheidung, ohne sie ausführlich zu erklären. Denkt man seinen Gedanken zu Ende, dann wäre daraus zu schließen, dass Antisemitismus und dessen Bewertung von der Sozialisation und den Lebensumständen des Sprechers abhängen. Es wäre also etwas qualitativ anderes, wenn ein in Palästina aufgewachsener Muslim antisemitische Klischees reproduziert als wenn der im hessischen Friedberg geborene, christlich sozialisierte Rapper Kollegah dies tut. Während der eine aus einer realen Unrechtserfahrung spricht, schöpft der andere aus antisemitischen Idiomen, die sich nicht rational und unmittelbar kontextuell erklären lassen.