Ja: E-Mail-Verbote sind nichts als Bevormundung

Wie still es ist zwischen Weihnachten und Neujahr! Keiner schreibt E-Mails; der Blackberry blinkt nicht; und wenn das Handy vibriert, ist ein Onkel dran. Hattest du schöne Weihnachten? Ach, und alles Gute für 2018!

Diese eigentümliche Ruhe will der Betriebsratschef von Porsche, Uwe Hück, fürs ganze Jahr bewahren: Arbeitnehmer sollen ab 19 Uhr keine E-Mails mehr bekommen; was später eingeht, wird automatisch gelöscht.

Hück ist nicht der erste Verfechter des E-Mail-Fastens. Manche Unternehmen verzögern bereits die Zustellung nächtlicher Mails oder verordnen Mitarbeitern eine "E-Mail-Diät". Damit wollen sie die "Entgrenzung der Arbeit" bekämpfen, die Haltung "always on", mit der Mitarbeiter abends Kalkulationen erstellen oder vor dem Frühstück Präsentationen bauen. Aber abgesehen davon, dass E-Mails nicht weniger werden, wenn sie später geschickt werden, und ein Mail-Verbot unpraktikabel ist, wenn doch der Erfolg jedes Mittelständlers daran hängt, Produkte auch in Houston (minus sieben Stunden) oder Shanghai (plus sieben Stunden) zu verkaufen: Ein erzwungener Kommunikationsstopp ist bevormundend und reaktionär.

Durch den digitalen Wandel erleben Zigtausende Familien das Glück der Erreichbarkeit. Früher mussten sich Väter und Mütter entscheiden, ob sie lange Stunden im Büro sitzen oder sich um ihre Kinder kümmern wollten. Heute können sie Beruf und Familie vereinbaren, weil sie nicht offline sein müssen: Sie sind für einige Stunden im Büro, holen ihre Kinder von der Kita ab und setzen sich abends noch ein Stündchen an den Computer. Sie bestimmen, wann sie antworten, nicht andere. Das ist ein Gewinn für die Familie und ein Fortschritt für eine gleichberechtigte Gesellschaft. "Entgrenzung" ist für sie ein anderes Wort für "Freiheit".

Wer Verbote erlässt, verklärt die Grenzen, die es früher gab: Dienstbeginn, Dienstende, Stechuhr, Akkordökonomie. Wer die Grenze zwischen Arbeit und Leben hochzieht, rückt die Arbeit, der man doch Bedeutung nehmen will, wieder ins Zentrum. Man geht zur Arbeit, bevor es hell wird, und kommt zurück, wenn es wieder dunkel ist – wie zu Zeiten, da Dauerpräsenz als Ausweis großer Leistung galt und Papi die Kinder nur zum Gutenachtkuss sah. Will jemand wirklich dahin zurück?

Natürlich, wie bei jeder Umwälzung tun sich auch beim digitalen Wandel Abgründe auf: Väter, die ihre E-Mails checken, während sie das Schlaflied singen. Mütter, die binnen drei Minuten jede Nachricht beantworten. Chefinnen, die nicht merken, wie sehr ihre nächtlichen Botschaften die Mitarbeiter unter Druck setzen. Doch ist dieser Druck wirklich anders als der des Chefs, der früher um vier sagte: "Um fünf ist das fertig!"?

Statt Menschen zu bevormunden, sollte man sie befähigen, den Wandel zu bewältigen. Dabei muss man sich von drei Illusionen verabschieden: erstens, dass Arbeitgeber oder Staat Schonräume verordnen können – E-Mail-freie Abende oder, wie in Frankreich, handylose Schulen. Viel besser ist es, das Digitale in den Alltag zu integrieren. Zweitens, dass jede E-Mail superdringlich ist. Sonst ersetzt man physische Dauerpräsenz nur durch digitalen Präsentismus. Drittens, dass es so etwas gibt wie Work-Life-Balance. Arbeit und Leben sind so verwoben, dass kein Gegensatz entsteht, den man ausbalancieren müsste.

Was würde helfen? Vielleicht, zwei Dinge zu lernen: Selbstseelsorge und Selbstverlangsamung. In Eigenverantwortung sein Tempo zu finden, in sich hineinzuhorchen, Pausen zu machen. Arbeit und Leben sind untrennbar. Doch Leben ohne Innehalten ist kein Leben. Wer das beherzigt, braucht keine Verbote.

von Manuel J. Hartung

Diese ständige Erreichbarkeit ist die Pest

Nein: Der Einzelne kann sich nicht wehren

Stille Nacht, heilige Nacht", klang es eben in unzähligen Kirchen. Mögen viele Deutsche auch nur mehr ein distanziertes Verhältnis zum Heiligen haben – die Stille ist etwas überall Ersehntes. Dass das Land runterfährt in einen weihnachtlichen Stand-by-Modus, dass Läden schließen, Fußball und Politik Pause machen, Handys verstummen und sogar bei Twitter die Shitstorms abflauen, erlaubt ein notwendiges Durchatmen. Ein bisschen Frieden.

Regelmäßig erforschen Umfrageinstitute zum Jahreswechsel die Vorsätze der Deutschen fürs neue Jahr, und zuverlässig erzielen dabei Antworten wie "weniger Stress", "mehr Zeit für die Familie" Spitzenwerte. Kein Wunder: Digitalisierung und Globalisierung schlagen längst auf das Leben der Menschen durch, als ungeheure Chance – und enorme Beschleunigung. Die gehetzte Mitte der Gesellschaft isst im Stehen, trinkt Kaffee im Gehen, schläft weniger als noch vor zehn, fünfzehn Jahren und kommuniziert pausenlos auf mehreren Kanälen gleichzeitig. Die ständige Erreichbarkeit per Anruf, E-Mail oder WhatsApp ist das Zeichen unserer Zeit. Und diese ständige Erreichbarkeit ist die Pest.

Natürlich ist es prima, wenn man mit der Kollegin in Peking skypen kann oder mit der Oma auf Teneriffa. Natürlich ist es beruhigend zu wissen, dass die Tochter ein Handy dabeihat, wenn sie spät loszieht. Telefonkonferenzen und Chatgruppen erleichtern die Kommunikation. Niemand will zurück zu Brieftauben oder Stechuhren. Bloß ist es weltfremd zu glauben, all diese Errungenschaften hätten keinen Preis.

Ständig erreichbar zu sein heißt, permanent das Handy zu beobachten, nervös wie gehetztes Wild. Es heißt, dass alles ineinanderfließt, dass es keine Ruhephasen mehr gibt, keinen Wechsel zwischen Konzentration und Entspannung. Ständige Erreichbarkeit führt dazu, dass Mütter ihre Säuglinge stillen, während sie an einer Telefonschalte teilnehmen. Dass Väter auf ihren Smartphones herumtippen, während sie eigentlich am Rand des Sportplatzes stehen, um ihre Kinder anzufeuern. Es führt dazu, dass jeder ständig mehrere Dinge gleichzeitig tut und nichts mehr richtig. Meist bleiben dabei die Schwächsten auf der Strecke: die Kinder.

Die ständige Erreichbarkeit enthüllt das Reden von der Work-Life-Balance als das, was es ist: ein gigantischer Selbstbetrug. Arbeit und Leben sind nicht in Balance, sie sind ein fetter Klumpen, den man nicht mehr loswird. Und die Burn-out-Erkrankungen nehmen ständig zu.

Nun zeugt es von großem liberalen Heroismus zu fordern, jeder möge sich doch selbst Grenzen setzen, den eigenen Ehrgeiz zügeln, sich individuelle Komfortzonen einrichten. Auch das ist ein Irrtum. Denn ständig erreichbar zu sein ist ja keine freie Entscheidung, sondern meist ein Muss: weil die Kunden das erwarten. Weil der Chef es will. Weil die Kollegen es auch so halten.

In der digitalisierten Welt sind Kräfte am Werk, die größer sind als das Individuum. Ihnen entgegenzutreten überfordert den einzelnen Arbeitnehmer. Arbeit und Privates wieder stärker abzugrenzen, ohne zu den starren Modellen von gestern zurückzukehren, das ist keine persönliche, das ist eine politische Aufgabe. Man kann sie konservativ intonieren, als Schutz von Familien und Institutionen. Oder sozialdemokratisch, als Machtfrage zwischen Arbeit und Kapital. Das muss nicht mit Verboten und Gesetzen geschehen, wohl aber braucht es gesellschaftliche Verabredungen darüber, was geht und was nicht. Und wann niemand erreichbar sein muss.

Oder, wie es jüngst auf Twitter hieß: "Fast alles funktioniert wieder, wenn man es mal für ein paar Minuten abschaltet. Auch Du."

von Heinrich Wefing

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