Der erste Zug fällt aus, der zweite will nicht starten. Dann rumpelt das Taxi durch den Berufsverkehr. Die Redakteure eilen zu Fuß zur NRW-Landesvertretung in Berlin. Auch der Ministerpräsident stand im Stau. Schnell die Begrüßung. Der nächste Termin wartet. Armin Laschet muss gleich seinen Flug erwischen.

Frage: Herr Laschet, als Ministerpräsident sind Sie immer in Bewegung. Wo kommen Sie zur Ruhe?

Armin Laschet: Im Gottesdienst. Meine Pfarrei ist St. Michael in Aachen-Burtscheid. Dort predigt noch der Pfarrer, der mich getraut hat. Die Kirche ist 800 Jahre alt. Am Tag vor der Landtagswahl war Angela Merkel in Aachen, da habe ich ihr diese Kirche gezeigt. Sie wollte sehen, wo ich herkomme.

Frage: Aber im Gottesdienst ist es doch nicht still.

Laschet: Aber dort fällt Anspannung von mir ab. Es ist eine ungewöhnliche Stunde. Ich telefoniere da nicht, twittere nicht, schaue nicht auf das Handy. Ich sitze nur da, nehme teil. Ich mag es, dass die katholische Kirche Weihrauch hat. Und Orgeln. Das spricht die Sinne an. Echte Stille ist nur schwer auszuhalten. Manchmal wünscht der Pfarrer, dass die Menschen eine Minute schweigen. Dass sie über sich selbst nachdenken. Dann fangen schon die Ersten an, sich zu räuspern, sich zu bewegen.

Frage: Wie ist das mit Ihnen?

Laschet: Als Jugendlicher habe ich die Stille mehr gesucht als heute. Damals habe ich mich mit 15 Freunden zum Schweigen in der Eifel verabredet. Wir haben von Freitag bis Sonntag geschwiegen. Das würde ich heute nicht mehr schaffen.

Frage: Würden Sie es in einem Kloster aushalten? So ganz ohne Handy und Nachrichten?

Laschet: Das wäre eine Tortur. Manche Menschen empfinden es als Urlaub, wenn sie zwei Wochen abschalten können. Ich könnte mich so nicht entspannen. Ich muss verfolgen können, was sich tut. Ich liebe die Bewegung. Das, was man hört, macht das Leben lebendig.

Frage: Wann sucht die Stille Sie heim?

Laschet: Wenn ich spätabends in die NRW-Landesvertretung in Berlin komme. Manchmal übernachte ich dort. Dann bin ich allein in diesem riesigen Gebäude. Nur der Pförtner sitzt dort. Ich höre keinen Laut, nur mein eigenes Atmen. Es ist menschenleer. Einen stilleren Ort finden Sie nicht. Meine Tage sind oft hektisch. Egal wo ich hinkomme, wird erwartet, dass ich spreche, dass ich zuhöre, dass ich liefere. Selbst wenn ich privat irgendwo essen gehe, will oft jemand mit mir sprechen oder ein Selfie machen. Das beschwert mich nicht, aber ich erlebe nicht viele Phasen der Ruhe. Im Flugzeug vielleicht noch.

Frage: Da dröhnt es doch.

Laschet: Aber niemand redet. Man sitzt nur da, und das Handy funktioniert auch nicht.

Frage: Muss sich der Politiker selbst vor der Hektik, dem ständigen Twittern und Telefonieren schützen?

Laschet: Ja, manchmal ist es zu viel.

Frage: Sie haben früher sonntags von der Couch auch mal über einen schlechten Tatort getwittert. In den letzten Tagen waren Sie erstaunlich ruhig. Zwingt das neue Regierungsamt zur Stille?

Laschet: Ein wenig. Jeder Satz wird ja jetzt anders wahrgenommen. Wenn der Ministerpräsident sagt, der "Tatort" habe ihm nicht gefallen, ist das gleich eine dpa-Meldung.

Frage: Sie liefern sich keine Online-Kämpfe mehr?

Laschet: Mal abwarten.

Frage: Wann müssen Sie sich zwingen, still zu sein?

Laschet: Bei mancher Streiterei in der Partei oder Koalition. Ich musste das erst lernen. Früher wollte ich alles, was ich falsch fand, richtigstellen. Heute denke ich oft: Man muss auch einmal schweigen, um etwas zu lösen.

Frage: Ab wann wird Stille gefährlich?

Laschet: Wenn man verletzenden, gefährlichen Aussagen von Rechtspopulisten nicht widerspricht. Da braucht es eine schnelle, direkte Erwiderung. Die Politik ist heute in der breiten Diskussion aggressiver. Früher schrieb ein Einzelner einen bösen, anonymen Brief: Den bekam man, und damit war es erledigt. Heute erreicht jemand aus der Anonymität heraus eine Riesengemeinde.

Frage: Die Jamaika-Vorgespräche waren sehr laut. Muss die Groko-Sondierung jetzt erst recht leise ablaufen?

Laschet: Das wird sie. Die Akteure kennen sich. Sie haben enorme Krisen gemeinsam bewältigt. Es wird alles konzentrierter ablaufen.

Frage: Aber diese ganzen Schreiereien, die jetzt schon wieder losgehen, machen es SPD-Chef Martin Schulz auch nicht leichter.

Laschet: Was denn für Schreiereien?

Frage: Das, was Jürgen Trittin mit der FDP gemacht hat, macht Alexander Dobrindt jetzt mit der SPD. Etwa, indem er die SPD scharf angreift für ihre Idee der Bürgerversicherung.

Laschet: Die Bürgerversicherung kommt für uns nicht in Betracht. Das ist doch keine Provokation, wenn man das sagt.

Frage: So sachlich hat es Dobrindt nicht ausgedrückt. Er sprach von einer linken ideologischen Mottenkiste.

Laschet: Bei den Sondierungen geht es nicht darum, wer am Ende gewonnen hat. Das ist eine staatspolitisch einzigartige Lage. Begleitende mediale Provokationen helfen nicht.

Frage: Die Mechanismen der Lautstärke sind offenbar stärker.