DIE ZEIT: Herr Thielemann, Sie dirigieren zum Jahreswechsel an der Semperoper ein Programm mit Unterhaltungsmusik aus den 1930er und 1940er Jahren. Anlass ist der 100. Geburtstag der Ufa. Wie politisch ist dieses Programm?

Christian Thielemann: Dieses Programm ist das politischste und das unpolitischste, das wir je gespielt haben. Im Radio habe ich vor einiger Zeit zufällig Marek Weber gehört ...

ZEIT: ... den Lemberger Geiger, der im Berlin der zwanziger und frühen dreißiger Jahre als König der Tanzmusik galt ...

Thielemann: Das hat mir so gefallen, dass ich der Sache nachgegangen bin. Wer war dieser Marek Weber, den ich überhaupt nicht kannte? Wo und mit wem ist er aufgetreten? Welches Schicksal hat er gehabt?

ZEIT: Weber emigrierte 1933 in die USA, wo er als "Waltz King of Radio" Karriere machte und 1964 starb.

Thielemann: Die Zeitgeschichte schwingt in unserem Programm mit. Das macht es anspruchsvoll, bei allem Unterhaltungswert, weil man darüber nachdenken muss, was Töne bewirken können – und was sie nicht bewirkt haben. Das Harmlose steht neben dem Grauenhaften. Franz Grothe etwa, der unter den Nazis hohe Ämter bekleidete und Durchhaltelieder komponierte, hat noch 1929/30 für Marek Weber Nummern geschrieben. Die hatten alle eine fundierte klassische Ausbildung, das waren fabelhafte Musiker. Friedrich Hollaender hat bei Humperdinck studiert!

ZEIT: Was Grothe und andere, Michael Jary oder Theo Mackeben, nicht dazu veranlasst hat, sich nach 1933 für ihre jüdischen Kollegen einzusetzen.

Thielemann: Falsch! Jary und Zarah Leander wurden bei Goebbels persönlich vorstellig, um Bruno Balz, den schwulen Textdichter von Es wird einmal ein Wunder geschehen und Davon geht die Welt nicht unter, aus der Gestapo-Haft zu befreien. Das ist ihnen auch gelungen.

ZEIT: Wollen Sie mit diesem Konzert provozieren?

Dirigent Christian Thielemann © Oliver Killig

Thielemann: Provozieren? Nö. Weil ich damit den Falschen eine Projektionsfläche bieten könnte? Ich bitte Sie, ich beuge mich doch diesen Leuten nicht! Ich lasse mir doch meine Konzertprogramme nicht diktieren! Sicher gibt es Stimmen, die sagen, diese Musik dürfe man nicht mehr spielen, aber ich kann doch kein Konzert zum Jubiläum der Ufa veranstalten und alle belasteten Künstler von der Liste streichen. So gesehen wäre die einzige Alternative, kein Ufa-Konzert zu machen. Aber wäre das besser? Würde das der Musik gerecht werden?

ZEIT: Wie funktioniert der doppelte Transfer, von der Leinwand aufs Konzertpodium und von U nach E, zumindest was die Art der Auseinandersetzung betrifft? Das Genre Filmmusik richtet sich ja nicht in erster Linie an ein Musikpublikum.

Thielemann: Wir haben an der Semperoper zu Silvester auch schon Ausschnitte aus der Lustigen Witwe gebracht, aus der Csárdásfürstin und Hits vom Broadway, also die leichte Muse ist uns nicht fern. Ich denke, solche Transfers funktionieren gut, solange die Musik substanziell genug ist – und solange wir bei aller historisch-kritischen Informationspflicht, die wir haben, den Spaß an der Sache nicht verlieren.

ZEIT: Das Programm teilt sich, paritätisch, in Stücke von verfemten und verfolgten Komponisten und in solche von Mitläufern und Profiteuren des NS-Regimes. Absicht?

Thielemann: Nein, wir haben nach Qualität ausgesucht. Ich wusste teilweise gar nicht, wer der Komponist war. Dass Ein Freund, ein guter Freund von Werner Richard Heymann ist, war mir klar, auch dass Hollaender Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt geschrieben hat. Vom Rest hatte ich so gut wie keine Ahnung. Und plötzlich brechen da Gräben auf, zeigen sich Widersprüche, die uns bis heute prägen – das hat mich total fasziniert. Im Grunde führen wir anhand dieses Silvesterkonzerts die gleiche Diskussion wie, mit gewissen Abstrichen, bei Liszt oder Wagner. Nur dass Grothe und Co. als Zeitgenossen haftbar zu machen sind. Wagner und Liszt konnten sich gegen die ideologische Vereinnahmung nicht mehr wehren.

ZEIT: Wie definieren Sie Qualität, woran macht sie sich hier fest?

Thielemann: Am Schreiben der Partituren, am Handwerk. Und an der Atmosphäre. Mendelssohn braucht im Sommernachtstraum genau vier Akkorde, um die Stimmung des ganzen Stücks zu zaubern. Ich will das jetzt nicht überhöhen, aber diesen Anspruch haben viele Ufa-Nummern auch. Mit einem einzigen Geigenschlenker, mit einer kleinen rhythmischen Verschiebung alles sagen. 1941 wurde das Deutsche Tanz- und Unterhaltungsorchester gegründet – mit dem erklärten Ziel, in der U-Musik ein ähnliches Renommee zu erlangen, wie es die Berliner Philharmoniker in der Klassik besaßen. Das muss man sich einmal vorstellen!