Im Jahr 2014, als die Epidemie Ebola grassierte, wurden an internationalen Flughäfen wie Seoul und San Antonio Thermal-Scanner installiert, die die Körpertemperatur der einreisenden Passagiere messen sollten. Die Sicherheitsbeamten sahen auf ihren Bildschirmen durch Wärmebildkameras die verschiedenen Wärmezonen des Körpers. Der Rumpf war blau eingefärbt, was eine Temperatur zwischen 24 und 28 Grad Celsius indizierte, die Extremitäten gelb bis grün, das Gesicht erschien in gelber bis oranger Farbe. Alles, was oberhalb der "normalen" Körpertemperatur von 37 Grad Celsius lag, zeigte das Infrarotthermometer in violetter bis grauer Markierung an.

Abgesehen davon, dass Fieberkontrollen am Flughafen nur eine trügerische Sicherheit schaffen – die Methode ist fehleranfällig, weil nicht jeder, der Fieber hat, an Ebola erkrankt ist und die Epidemie eine Inkubationszeit von drei Wochen hat, also Krankheitsträger nicht unbedingt Fiebersymptome zeigen müssen –, war das Screening ein bizarrer Angriff auf die Körperlichkeit. Die Art und Weise, wie das Sicherheitspersonal "Verdachtsfälle" aus der Gruppe isolierte und mit Infrarotthermometern die Körpertemperatur maß, als würde es ihnen eine Pistole vors Gesicht halten, trug fast schon faschistoide Züge. Das Verstörende daran war, dass Menschen mit genau denselben Instrumenten vermessen wurden, mit denen man Objekte bewertet – Wärmebildkameras dienen dazu, Lücken in der Gebäudedämmung zu identifizieren. Der Mensch wurde verdinglicht. Das Targeting, das Ins-Visier-Nehmen bestimmter Merkmalsträger, das sich auch bei Gesichtserkennungssystemen zeigt, kannte man bislang nur aus dem Militär.

Das Auge als Kamera, der Magen als Raffinerie

Fritz Kahn: "Der Mensch als Industriepalast" (1926) © Fritz Kahn/United Archives/Imago

Eigentlich sollte man meinen, dass der Körper ein mehr oder weniger abgeschlossenes System ist und der Bürger in einer Zeit, in der die Leibeigenschaft abgeschafft ist, der einzige Zugriffsberechtigte ist. Sprich: Was in seinem Körper vor sich geht, ist Privatsache. "Meine Körpertemperatur oder Herzfrequenz geht niemanden etwas an." Doch in Zeiten moderner Informationstechnologie bröckelt diese Intimität, die Grenze zwischen Innen und Außen. Die Feststellung, der Mensch werde immer gläserner, die zum Cantus firmus früherer Technologiekritik gehörte und inzwischen zur Plattitüde verkommen ist, greift insofern zu kurz, als es bei der Überwachung nicht nur um eine Sichtbarmachung von Körperfunktionen und Verhaltensweisen geht, sondern um eine Form der Verhaltenssteuerung, die eine ganz andere Vorstellung des Körpers hat.

Das Konzept der Körperlichkeit wurde nie hermetisch gedacht. Die Flüssigkeit, die man sich etwa durch eine Flasche Bier einverleibt, würde man zum Körper dazuzählen, die volle Flasche dagegen nicht. Auch die Exkremente würde man im Moment des Ausscheidens wohl nicht mehr zu seinem Körper rechnen. Der Organismus ist insofern auch ein offenes System, eine Membrane, die durchlässig für bestimmte Stoffe ist. Doch durch die Maschinisierung kehrt jener radikale Materialismus ins Denken zurück, der schon zu Beginn der Aufklärung seine Blüten trieb. Für den französischen Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie war der Mensch nur eine komplexe Maschine, die ihr eigenes Uhrwerk aufzieht.

Im Jahr 1926 fertigte der Berliner Arzt Fritz Kahn sein berühmtes Plakat "Der Mensch als Industriepalast", in dem die organischen Vorgänge im Menschen als industrielle Vorgänge dargestellt wurden. Das Auge als Kameraobjektiv, das Gehirn als Nervenzentrale, der Mund als Mahlwerk, das Herz als Kolbenpumpe, die Leber als Abbaufabrik, der Magen als Raffinerie. Bei Kahn ist der Körper ein hocheffizientes System aus Rohren, Zahnrädern, Düsen, Motoren und Förderbändern, der Mensch eine Hochleistungsmaschine. Das war gewissermaßen die fordistische Vorstellung der Menschmaschine. Heute wird der Mensch als Baukasten imaginiert, dessen Gesundheitscode man updaten und mit hochleistungsfähigen Nanobots und Computern zum Cyborg aufrüsten könne.

Sechzig Jahre später schrieb die Feministin Donna Haraway in ihrem einflussreichen Cyborg-Manifest: "Kein Objekt, Raum oder Körper ist mehr heilig und unberührbar. Jede beliebige Komponente kann mit jeder anderen verschaltet werden, wenn eine passende Norm oder ein passender Kode konstruiert werden kann, um Signale in einer gemeinsamen Sprache auszutauschen. (...) Organismen sind zu biotischen Systemen geworden, zu Kommunikationsgeräten wie andere auch. Innerhalb unseres formalisierten Wissens über Maschinen und Organismen, über Technisches und Organisches gibt es keine grundlegende, ontologische Unterscheidung mehr. (...) Warum sollten unsere Körper an unserer Haut enden oder bestenfalls andere von Haut umschlossene Entitäten umfassen?"

Das Smartphone als externe Festplatte des Gehirns

Wo Körperlichkeit entgrenzt ist, sind auch dem Zugriff keine Grenzen gesetzt – so wie durch die Körpertemperatur-Kontrolleure an Flughäfen. Es ist ein Zweitschritt: Der menschliche Körper wird zuerst kartiert und dann kontrolliert. Haraway schreibt – wohlgemerkt: im Jahr 1984! – von einer "Informatik der Herrschaft": "Haushalt, Arbeitsplatz, Markt, öffentliche Sphäre, sogar der Körper – alles kann in nahezu unbegrenzter, vielgestaltiger Weise aufgelöst und verschaltet werden." Wenn Tesla-Gründer Elon Musk postuliert, der Mensch müsse sich zum Cyborg aufrüsten, um mit der künstlichen Intelligenz Schritt zu halten, offenbart das seine technodarwinistischen Herrschaftsansprüche. Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie sich eine informatisierte Herrschaft legitimiert.