Das ganze Land liegt unter einer dicken Schneedecke begraben. Seit vielen Jahren waren nicht mehr derartige Mengen gefallen. In Wien werden "alle Kreise der Bevölkerung" zur freiwilligen Mitwirkung bei der Schneeräumung aufgerufen. Der Verkehr kommt immer wieder zum Erliegen, der Müll wird nicht mehr abgeholt und türmt sich auf den Straßen. Mangel diktiert den Alltag. Es fehlt an allem, an Lebensmitteln, Brennmaterial, Kleidung, Schuhwerk, nicht einmal ausreichend Leuchtgas für die Straßenbeleuchtung steht zur Verfügung.

Es ist der Neujahrstag 1918. Mit bitteren Worten verabschiedet sich in seinem Tagebuch der Reichsratsabgeordnete Josef Redlich, ein gemäßigt Deutschnationaler und Großbürger, vom alten Jahr: "Die Menschheit ist durch Technik, Naturwissenschaft und Kapitalismus so seelenlos geworden, dass sie die geistige und psychische Kraft nicht mehr besitzt, um sich aus diesem entsetzlichen Krieg herauszuarbeiten." Doch gleichzeitig schöpfen viele Wiener neue Hoffnung. Die Silvesterglocken, orakelt etwa das illustrierte Journal Wiener Bilder, würden "ein Jahr des Friedens ankünden, dem kein Krieg mehr folgen soll und wird".

Tatsächlich herrscht zur Jahreswende 1917/18 noch die Illusion, man werde letztlich einen "Siegfrieden" erzwingen können. Am Balkan stehen die verbündeten Armeen vor Saloniki, in Italien waren sie vom Isonzo bis an den Piave durchgebrochen. Zugleich ist aber die Donaumonarchie bereits bis zum letzten Quäntchen ihrer Leistungsfähigkeit ausgepresst worden. Nur mit Mühe können Hungerrevolten und Massenstreiks niedergehalten werden. Auf dem gesamten Gebiet der Monarchie herrscht de facto eine Militärdiktatur, und das Reich ist einer kriegsabsolutistischen Zwangsbewirtschaftung unterworfen.

Doch noch einmal blitzt Hoffnung auf, als die neuen sowjetischen Machthaber nach ihrer Oktoberrevolution nicht mehr willens sind, den Krieg fortzusetzen, und in Brest-Litowsk sogar ein expansives Friedensdiktat der Mittelmächte akzeptieren. Nun würden aus der besetzten Ukraine bald gewaltige Getreidelieferungen eintreffen – die allerdings nie ihre Bestimmungsorte in den darbenden Provinzen der Monarchie erreichen. Stattdessen bringen die heimkehrenden Kriegsgefangenen die Ideen der bolschewistischen Revolution aus den Lagern in Sibirien mit in die Heimat. "Lernt Russisch, lernt von Petersburg!", steht auf einem Flugblatt, das im Arsenal, einer wichtigen Wiener Waffenschmiede, kursiert.

Es gärt im ganzen Reich, nur mühsam wird das Militärregime der Streikwellen und Hungerkrawalle Herr. Besonders drückend ist der Mangel in der Millionenmetropole Wien, die nach einer katastrophalen Missernte kaum noch Lebensmitteltransporte erreichen. Während die Arbeitszeit in den Rüstungsbetrieben auf täglich 15 Stunden erhöht wird, sinken die Lebensmittelrationen auf 830,9 Kalorien; theoretisch soll jeder 180 Gramm Brot, 71,4 Gramm Kartoffeln, 5,7 Gramm Fett und 17,8 Gramm Fleisch erhalten. Milch ist nicht mehr vorgesehen. Tatsächlich bilden Hunderttausende Wiener jede Nacht lange Brotschlangen. Zehntausende kehren zehn Stunden später regelmäßig mit leeren Händen wieder heim. Von 167.000 Wiener Schulkindern, wird eine schulärztliche Untersuchung nach dem Umsturz befinden, können lediglich 6.700 als nicht unterernährt gelten. In fünf Jahren ist die Sterberate in der Residenzstadt um 60 Prozent hochgeschnellt. Jeder vierte Tote wird von der Tuberkulose dahingerafft. Die Spanische Grippe wütet in der entkräfteten Bevölkerung. Bereits im Sommer 1918 war ein "Kartoffelkrieg" zwischen Wien und dem Umland ausgebrochen. Zehntausende waren täglich vor die Tore der Stadt gezogen und hatten die Felder der fruchtbaren Regionen geplündert. In vielen Gemeinden erwogen die Behörden eine Verordnung, die das öffentliche Tragen eines Rucksacks verbieten sollte.

Im November 1918 gibt es aber auch auf den Äckern der Umgebung für die Wiener nichts mehr zu holen. Jetzt schleppen sie bündelweise ihren Wienerwald als Brennholz in die Stadt. Sogar vom Friedhof der Namenlosen in den Donauauen, auf dem man die anonymen Wasserleichen bestattete, plündern sie die Holzkreuze und graben Särge aus. Der Gottesacker muss stillgelegt werden. Wien stirbt nennt der Volksbildner Karl Ziak in den Nachkriegsjahren seinen "Heldenroman einer Stadt". Ein Reporter des deutschen Vorwärts berichtet: "Das Wiener Elend der Gegenwart ist in Mitteleuropa ohne Beispiel seit den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges."

Zusätzlich verschärft wird das Elend durch die zurückflutenden Soldaten der ausgebluteten Armee, die in einer sinnlosen Sommeroffensive am Piave ihre letzten Reserven aufbrauchte und sich in den Herbsttagen einfach in ihre nationale Bestandteile auflöst. In Trauben hängen sie an den Transportzügen, die in den Bahnhöfen eintreffen. Bis zu 100.000 Männer passieren im November täglich die Hauptstadt auf dem Weg in ihre Heimat. Manche sind noch kräftig genug, den Offizieren die kaiserlichen Kokarden und die Rangabzeichen von den Uniformen zu reißen. Die meisten lassen sich aber einfach in der Bahnhofshalle fallen. "Hälse zwischen Stiefel verflochten, in schweren toten Schlaf versunken", schildert eine Reportage die Szene am Nordbahnhof: "Es sieht aus, als wäre das ein Schlachtfeld mit den aufgehäuften, nicht begrabenen Hingeschlachteten."