Zwischen Poesie und Musik herrscht von jeher ein eigentümliches Nahverhältnis. Text und Ton verbinden sich gerne; Gedichte verwandeln sich in Lieder oder Songs. Das war bei Schuberts Liedvertonungen von Goethe und Wilhelm Müller so, und Bob Dylan hat für seine Lyrik den Literaturnobelpreis bekommen – was ohne seine musikalische Interpretation wohl eher nicht passiert wäre.

Die Österreicherin Friederike Mayröcker ist eine der bedeutendsten Dichterinnen unserer Zeit, und in ihrem Fall ist die Nähe zum Ton besonders auffällig. Ihr Werk, das ja eine Art Prosapoesie ist, erzeugt einen eigentümlichen Klangrausch: Sie evoziert im Ohr des Hörers eine Art endlosen, assoziativen Farbzauber (und es wäre jetzt eine eigene Betrachtung wert, weshalb diese Zauberin Mayröcker es vermag, die Lektüre ihrer Texte automatisch zu einer Sache der Ohren zu machen – beim Lesen hört man nämlich die Sprache gleichsam mit). Dass Mayröcker zudem eine phänomenale Interpretin ihres Werkes ist, muss man da eigentlich schon gar nicht mehr sagen.

Zu dieser Binnenmusikalität hat Mayröcker nun noch Extratöne hinzubekommen. Ihr Requiem für Ernst Jandl, eine 2001 erschienene große Erinnerungspoesie an den im Jahr zuvor verstorbenen "HAND- und HERZGEFÄHRTEN", "HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN" (Mayröcker), hat jetzt der Komponist Lesch Schmidt vertont. Die Aufnahme wurde soeben von der Jury der hr2-Hörbuchbestenliste zum Hörbuch des Jahres 2017 gekürt. Eigentümlich mutet es zunächst einmal an, wenn die Stimme Mayröckers, die den Text ihres Werks in ihrer markanten, nachhallenden Manier spricht, mit einer ziemlich wilden Klangmischung aus Klavier, Geige, Tuba, Kontrabass, Flöte, Saxofon und Schlagzeug unterlegt wird. Und die Musik ist kräftig, keineswegs bloße Stimmuntermalung. Doch je länger man hört, umso mehr überzeugt es einen: Mayröcker und ihre Worte, immerhin ja eine große Trauerarbeit, wirken wie transzendental aufgehoben in einer Art ewigem Kosmos aus lockeren, modernen Sphärenklängen, dem "Zirpen von Weltfülle", deren emotionale Mischung von ernst bis heiter reicht. Tatsächlich steckt ja auch Mayröckers Text voller musikalischer Topoi: Puccinis Madame Butterfly, Miles Davis, Bach.

Beeindruckend wie immer ist die Stimme Dagmar Manzels, die viele Passagen singt und spricht, in einer faszinierenden Variation auf Kurt Weill und Alban Berg, manchmal auch nur einsam leise und ahnungsvoll – ineinander und nacheinander geschnitten zu Mayröckers Erinnerungen und Wahrnehmungen. Hier kann man dem "Rauschen der Stille" ebenso lauschen wie dem Lärmen der Empfindungen. Kurz vor Weihnachten ist Friederike Mayröcker 93 Jahre jung geworden – nachträglich gratulieren wir hörend.

Friederike Mayröcker/Lesch Schmidt: Requiem für Ernst Jandl. speak low, Berlin 2017; 60 min, 18,90 €