Das Leben wird nach vorne gelebt und nach hinten gedacht. Ronny Wichmann weiß noch, wie ihn diese Erkenntnis traf wie ein Blitz. Und jetzt, an diesem Nachmittag, während ihn dieser Gedanke wieder streift, steht er zwischen braun gekachelten Plattenbauten in Rostock und blickt auf seine Vergangenheit.

Vor ihm, unter einem grauen, harten Himmel, erhebt sich ein dreistöckiger Bau mit schmutzigem Putz, umzäunt von Maschendraht. Eine Psychiatrie für Kinder. Wichmann öffnet die Pforte.

Er will dem Mann begegnen, dem er die Schuld daran gibt, dass sein Leben von heute aus betrachtet wie eine große, unerträgliche Ungerechtigkeit erscheint.

Der Mann heißt Frank Häßler und ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Vor 25 Jahren, als er noch ein junger Arzt und kein Professor war, bescheinigte er dem elf Jahre alten Ronny Wichmann, er sei geistig behindert. Er trennte Ronny von seiner Mutter, verschrieb ihm Neuroleptika und brachte ihn auf den Michaelshof, ein Heim für geistig Behinderte in Rostock, 100 Kilometer entfernt von Ronnys Zuhause.

Heute ist Frank Häßler 60 Jahre alt und Ronny Wichmann 36. Ronny ist nicht mehr der kleine, schielende Junge mit dem schiefen Haarschnitt, der zur Beruhigung seinen Oberkörper vor und zurück schaukelt, sondern ein Mann mit Bauch und präziser Logik, der sich in einem zähen Ringen das erobert hat, was ihm sonst kaum jemand geschenkt hat: Vertrauen in sich selbst.

Eigentlich war es nur eine einzige Person, die stets an ihn glaubte, sein Freund und Mentor Robert Brockmann. Vor einigen Monaten setzte Brockmann sich an seinen Computer und schrieb eine Mail an die ZEIT. Er schrieb: "Offiziell ist Herr Wichmann geistig behindert, aber durch meine Unterstützung ist er der erste geistig Behinderte mit einem Realschulabschluss (2,3). Mit freundlichen Grüßen, Dipl.-Ing. Robert Brockmann".

Brockmann, 49 Jahre alt, Ingenieur für Wärmepumpen- und Eisspeichertechnologie, ist ein Mann mit Segelohren und Raucherhusten, der in seiner Freizeit Wikipedia-Artikel schreibt. Er unterteilt die Menschen gern in Denker und Idioten, und er sei sich sicher, schreibt er der ZEIT, dass sein Freund Ronny Wichmann nicht zu den Idioten gehöre.

Wichmann hat vieles erreicht, was kaum ein geistig Behinderter erreichen könnte: Er hat seinen Führerschein gemacht, seinen Realschulabschluss nachgeholt und eine Ausbildung zum Sozialassistenten absolviert. Er ist mit einer Frau zusammengezogen und hat darüber nachgedacht, eine Familie zu gründen. Er hat bewiesen, dass Professor Häßler sich irrte. Dennoch kann er seine Vergangenheit nicht abstreifen, sie klebt an ihm wie eine zweite Haut.

Eine geistige Behinderung gilt unter Ärzten und Psychiatern als unheilbar. Wer einmal das Brandmal "geistig behindert" trägt, wird es nicht wieder los. Auch deshalb hat Ronny Wichmann noch immer einen Schwerbehindertenausweis.

Für Wichmann ist diese Diagnose mehr als nur eine Ungerechtigkeit, sie bestimmt sein Leben. Er hat sich abgewöhnt, mit ihr zu hadern. Aber er hat nicht damit aufgehört, Antworten auf die Fragen zu suchen, die ihn quälen:

Warum durfte ich nie auf eine normale Schule gehen? Warum darf ich nicht arbeiten? Warum hält mich außer Brockmann niemand für einen Denker, sondern für einen Idioten?

Für das Treffen mit Professor Häßler hat Wichmann sich die Augenbrauen zupfen lassen, sich frisch rasiert, Gel in die kurzen Haare massiert und ein gebügeltes hellblaues Hemd angezogen.

Schon den ganzen Vormittag über war Wichmann aufgeregt. Und wenn er aufgeregt ist, kann er nicht aufhören zu reden, mecklenburgisch breit, mit lang gedehntem -er. Er redet und redet, die Wörter strömen aus seinem Mund, vor allem viele Fremdwörter, "destruktiv" oder "traumatisch", "miserabel" oder "rekonstruieren".

Aber jetzt, als er die Glastür zu Professor Häßlers Klinik öffnet, verstummt er. Der Professor steht in der Tür seines Büros. Ein kleiner Mann mit einem Kranz aus grauem Haar und runder, breiter Nase.

"Hallo, Ronny, schön dich zu sehen", sagt er lachend, aber seine Augen, blau und vorsichtig, lachen nicht mit.