Fast jeder von uns kennt eine Familie, in der es drei oder vier Jungen gibt und kein Mädchen oder umgekehrt. Der Vater erklärt dann gerne seufzend, er könne nur das eine Geschlecht. Ist da etwas dran? Stimmt es, was eine Hebamme einer ZEIT- Leserin erzählt hat – dass das Geschlecht des ersten Kindes das des zweiten und der folgenden bestimmt, zumindest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit?

Zunächst einmal ist es richtig, dass der Vater die "Schuld", wenn man das so nennen kann, bei sich selbst sucht. Das Geschlecht eines Babys wird genetisch ausschließlich durch die Samenzelle bestimmt. Für die Kombination zweier Geschwister gibt es vier Möglichkeiten: Junge/Junge, Junge/Mädchen, Mädchen/Junge und Mädchen/Mädchen. Rein statistisch wäre zu erwarten, dass die Hälfte aller Geschwisterpaare gemischtgeschlechtlich ist. Wenn sich das Geschlecht des zweiten Kindes dagegen nach dem ersten richten würde, dann müsste es mehr als 50 Prozent Geschwisterpaare gleichen Geschlechts geben.

Es gibt große statistische Studien, in denen eine Alterskohorte über viele Jahre verfolgt wird. Eine davon ist die National Longitudinal Study of Youth des amerikanischen Arbeitsministeriums, die 1979 begann. Die jungen Menschen, die damals zwischen 14 und 22 Jahre alt waren, haben im Lauf der Jahre 12 524 Kinder bekommen. Man kann sich die statistische Verteilung der Kombinationen von Jungen und Mädchen detailliert anschauen. Zum Beispiel haben von den Familien mit vier Kindern 14,9 Prozent vier Jungen oder vier Mädchen – statistisch zu erwarten wären 12,5 Prozent.

Das ist nur wenig mehr, und dieses Mehr lässt sich zum Beispiel dadurch erklären, dass Eltern, die schon drei Jungen haben, sich mit der Zeugung besonders anstrengen, endlich ein Mädchen in die Welt zu setzen. Eltern mit einer ausgeglichenen Geschlechterbilanz würden dann eher dazu neigen, die Fortpflanzung einzustellen. Insgesamt weichen die Werte erstaunlich wenig von einer zufälligen Verteilung ab. Die biologischen Karten werden wohl wirklich jedes Mal neu gemischt.

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