2015 hat die Sparkasse Münsterland Ost ein Konvolut mit 121 grafischen Arbeiten von Henri Matisse von dessen Erben erworben und es als Dauerleihgabe dem Kunstmuseum Pablo Picasso Münster übergeben. Es umfasst Holzschnitte, Lithografien, Radierungen, Linolschnitte und Aquatinten aus verschiedenen Schaffensphasen. 60 Jahre waren die Arbeiten in einem Pariser Safe weggeschlossen, nun hat Markus Müller, der Direktor des Museums, den Verleger Josef Kleinheinrich und den Schriftsteller Botho Strauß Einblick nehmen lassen. Strauß hat sich von den Bildern zu poetischen Reflexionen inspirieren lassen. Daraus entstand ein Buch, das 76 der Matisse-Blätter zeigt und im Februar 2018 erscheinen wird (Botho Strauß: Non-finito, Ausgespartes, leere Stellen / Henri Matisse: Estampes, 76 reproduzierte graphische Arbeiten / Markus Müller: Die Essenz der Dinge. Die Sprache der Linie bei Henri Matisse. Kleinheinrich Verlag, Münster 2018). Wir veröffentlichen vorab Auszüge daraus.

Und er hoffte, der weibliche Akt, Porträt einer Frau mit hohem Rücken, mit Stirnfransen, kurzem braunen Haar, werde etwas Gegenwart, Zeitgeschehen, Außenwelt auf ihn übertragen, wenn sie, vor ihm auf ihre linke Seite gelagert, auf den Ellbogen gestützt, den früchtetragenden Korb, Brust-Korb, angehoben, die Hüftrundung ausgestellt, Taillenmulde und Beckenrand in gutem Schwung – wenn sie vielleicht nur für eine Minute die rechte Hand, auf Außenkante gesetzt, zwischen ihre Brüste plazierte, den Daumen abspreizte, altes Zeichen der ungläubigen Nachfrage: Ich? Meinst du mich? ... Daumen wie ein Bugspriet: hier an meiner Unwetterfront. Und wenn ihr dabei unwillkürlich die Knie etwas aufgingen und ihre leere Stelle sehen ließen und sie also das kalte Auge des Malers empfinge in Gleichgültigkeit, ohne die so träge gelagerte Figur sonderlich zu bewegen, dann würde ihn dieser Empfang gleichwohl aufklären, schnell und unkompliziert wie eine Datenübertragung zwischen zwei Speichermedien (die schließlich Frau und Mann doch auch sind) über alles, was er gegenwärtig von der Gegenwart nicht weiß, und es würde ihm von ihrer Haut, dem Schimmer, der Muskelkraft übertragen das ihm unbekannte Bewußtsein, das so jemand heute besitzt, sie, mit einem starken und festen Körper, der Daumen voraus, eine Hochgewachsene, die durch die Menge schneidet, wogenspaltend, Bug dieses nächtlichen Schlachtschiffs von Frau.

Das Nicht-Reale ist nicht das Phantastische, sondern das Realissimum – in Form der höchsten Verdichtung des Realen.

Sie sagte: Ich bin schön – geworden. Der alte Spiegel hält nicht mit. Wo darf ich mich sehen? Vielleicht, endlich, auf deinen Blättern?

Und ich, sagte der Maler, bin der Unfertige geworden! Der Unausgeprägte erst in meinen späten Jahren. Die Züge des Gesichts gingen über das Charakteristische hinweg. Sie machten nicht halt an den markanten Stellen, das Gezeichnete verschwamm wieder, war zu früh an ein Ende gekommen, zu früh schon fertig. Die Falten, die das Erlebte grub, dehnten sich wieder. Die Kanten, die es schlug, rundeten sich wieder. Das fertige Gesicht verging in eine neue bildbare Masse der Erwartung, weich und gierig, als verlangte es nach dem Verzehr, der Tilgung sämtlicher Erfahrungen und intimster Gewißheiten: Was kommt jetzt Neues, was ist jetzt noch da, um mich zu formen? Mich, ein unersättliches Antlitz!

So war es das Sich-Bildende und Sich-Fort-und-Fort-Bildende, das ihn herausforderte; das sich ihm aufdrängte. In einem Alter, da er andere, Jüngere, hätte führen und anleiten müssen, war er der Unfertige geworden, unfertig aus Lernbegierde; viele Jüngere aber befanden sich im Stande alter Fertigkeiten und gingen meisterlich damit um, d. h. sie entsprachen den Erwartungen der Schulmeister. Sie sahen wohl das Sonderbare, das Schöne und Bedeutungsvolle; sie erkannten und sortierten ihre Eindrücke sehr schnell. Doch keine Erkenntnis, keine Wahrnehmung besaß mehr als ein Fliegengewicht.

Der Sieg des gekonnten Griffs über die tastenden Versuche. Die meisten waren bereits am Ziel, während er noch über die Wege der Annäherung sich den Kopf zerbrach.

Wer anfänglich ist, sei’s in der Schrift, sei’s in der Zeichnung, wird sich nicht wiedererkennen im Spiegel. Beim Entstehen von Schrift oder Bild befindet er sich in einem Alter, das kein Spiegel zeigen kann. Wie käme denn auf diese oberflächlichste Fläche etwas von seiner ungebärdigen Schaffensjugend?

Gedichtbildend in seiner empfindlichen Materie wirkt es, wenn ein Dichter einen Trakl-Vers bloß mit den Fingerspitzen berührt. Bildzeugend in einem jungen Maler wirkt es, wenn er eine Matisse-Zeichnung bloß mit den Fingerspitzen berührt.

Es scheint doch, als ob zu rühren ein Talent allein des Buch- und Film-Erzählers sei, das dem Maler der Moderne, der alles in die Entwicklung von Form und Farbe gab, kaum etwas bedeutete. Vielleicht auch, daß früh schon Pietà und Kreuzabnahme die Kraft zu rühren in der Bildenden Kunst tiefer erschöpften als die Gemütsregungen, die Drama und Roman in vielerlei Varianten evozierten.