Im Frühjahr 1945 rücken die Alliierten an allen Fronten vor, das Deutsche Reich versinkt in Trümmern. Aus den Volksempfängern scheppert Marschmusik. "Feindsender" zu hören ist bei Strafe verboten. In Villingen im Schwarzwald, 60 Kilometer östlich von Freiburg, leistet ein 17-Jähriger Dienst in einer örtlichen Befehlsstelle der Luftabwehr. Es ist Hans Georg Brunner-Schwer, HGBS genannt. Der junge Mann liebt die Nazis nicht, er ist ein Romantiker und Schwärmer, dem aller Dienst auf den Keks geht. Schon zur Schule ging er nicht gern. "Ich muss gar nichts", lautet sein Credo. "Das Einzige, was ich muss, ist sterben" – wenn es denn mal so weit ist.

Auf dem Dach der Befehlsstelle steht ein Maschinengewehr, um Tiefflieger vom Himmel zu holen. Der Feldstecher zeigt die Gesichter der Piloten. HGBS hat Kopfhörer auf und horcht den Äther nach amerikanischen Signalen ab. Anfangs setzte die Air Force Sinustöne als Leitstrahl ein, bis das Gepfeife den Besatzungen auf die Nerven ging. Jetzt gibt es ein akustisches Upgrade: die Musik von Glenn Miller. Während die Bomber geführt und beschwingt von Chattanooga Choo Choo und String of Pearls ihre Ziele anfliegen, lauscht unten einer, auf den sie es abgesehen haben.

HGBS könnte diese Musik hassen, aber er liebt sie. "Dieser Glenn Miller hat eine Dynamik in seinem Orchester, die ist traumhaft. Das Zurücknehmen der Band, dann das Hochsteigen in unendliche Gefilde, der Einsatz der Klarinette in der oberen Oktave bei den Saxofonen ..."

Wenn er spätabends vom Dienst nach Hause kommt – und bevor er frühmorgens wieder in die elterliche Radiofabrik geht, wo die Kriegsproduktion von Panzerfunkgeräten auf Hochtouren läuft –, setzt er sich in der Villa der Familie ans Klavier und spielt das Gehörte nach, so gut er kann. Die Moonlight Serenade, welch ein Schmelz!

Eines Nachts legt sich eine eiskalte Hand auf seine Schulter. Hinter ihm steht der Wehrmachtoffizier, jener unheimliche Gast, den sie nach der Zerstörung Freiburgs einquartieren mussten.

"Sag mal, woher hast du die Noten?" – "Sie sehen ja, Herr Major, ich habe keine Noten." – "Aber du spielst doch Glenn Miller!" – "Wer ist das?" – "Junge, pass mal auf. Du hörst Feindsender ab. Wenn ich noch einen einzigen Ton von dir höre, mache ich Meldung. Lass dich nicht erwischen!"

In Villingen ist das der letzte Sieg der Nazis über den Swing. Am 19. April 1945 leitet Glenn Millers Musik die Bomber zur Fabrik. Über das benachbarte Wehrmachtgelände donnern sie herbei, übers Stammlager hinweg, in dem die Zwangsarbeiter aus Polen, Russland und Frankreich kaserniert sind. HGBS und sein Bruder sind gerade im Garten der Villa, als die Bombenschächte sich öffnen. Eine Bombe nach der anderen schwebt ihnen entgegen, wie eine Perlenkette, String of Pearls. Es sind nur Sekunden, für die Jungen eine Ewigkeit.

Dann sehen sie das Fabrikgebäude zusammenzucken, zusammenbrechen, und aus dem Zusammenbrechen schießt plötzlich alles in den Himmel hinauf, Reißbretter, Messgeräte, Maschinen, Teile. Es ist das Ende von Saba, der Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt. Die letzte Hightech-Fabrik des Deutschen Reiches liegt in Schutt. Aus ihrer Asche wird sich gut zwei Jahrzehnte später das erste deutsche Jazzlabel mit internationaler Ausstrahlung erheben: MPS, Musik Produktion Schwarzwald. Die Amerikaner Duke Ellington und Don Cherry werden nach Villingen kommen, Musiker aus Frankreich, Indonesien und Japan. Junge Deutsche wie Volker Kriegel und Rolf Kühn werden hier zur Größe finden.

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