Wer von San Francisco auf dem Highway 1 nach Norden fährt, wird schon kurz nach dem Stadtausgang von diesen Giganten begrüßt. Redwoods, also Mammutbäume, manche über einhundert Meter hoch, säumen die Straßen. Immer wieder passiert das Auto Hinweisschilder zu einzelnen dieser Riesen. In einen Stamm wurde ein Zimmer gebaut, durch einen anderen kann man mit dem Auto hindurchfahren – Bäume erzählen hier Geschichten, und es sind meistens solche, die der amerikanischen Freude an Superlativen gut entsprechen.

Man passiert das viktorianische Mendocino; lässt den bierbäuchigen Ort Fort Bragg hinter sich. Ab und an sammelt sich in den Kurven der Straße rotes Gewühl, lange Fasern, die von der Rinde der Redwoods stammen. Die meisten der Siedlungen, auf die man unterwegs stößt, wurden einst von Holzfällern gegründet. Und die Holzindustrie ist noch immer ein wichtiger Arbeitgeber im kalifornischen Norden.

Mit den gewaltigen Stämmen der Küstenmammutbäume (Sequoia sempervirens) beladene Laster donnern vorbei. Hin und wieder passiert man ein großes Sägewerk. Und doch ist jeder der Riesen, die man hier bestaunt, nur noch ein Relikt. 97 Prozent der einstigen Redwood-Wälder sind heute abgeholzt. Übrig geblieben sind bloß kleine Reste des einstigen Urwalds, der früher große Teile der nebligen kalifornischen Küste bedeckte. Um die Sache der Bäume stünde es noch übler, wäre nicht vor 20 Jahren eine junge Frau auf einen besonders großen Mammutbaum geklettert – und erst nach zwei Jahren wieder hinuntergekommen.

Hinter Fort Bragg geht es auf den Highway 101. Den nennen sie hier auch Redwood Highway. Irgendwo Höhe Kilometer 390, kurz vor der von Studenten bevölkerten Kleinstadt Eureka, passiert man eine Hügelkuppe. Auf deren Spitze ist ein einsamer Baum mit zerzauster Krone zu erkennen. Das ist das Ziel dieser Reise: der besetzte Baum.

Die Baumbesetzerin Julia Hill war damals erst 23 Jahre alt. Sie hatte sich gerade von einem schweren Verkehrsunfall erholt und ihren Job als Restaurantmanagerin aufgegeben. Ende der neunziger Jahre war das, als die Tochter eines Wanderpredigers auf der Suche nach einem Sinn für ihr Leben in die Wälder Kaliforniens kam. Sie fand ihn im Kampf gegen die Sägen der Holzindustrie.

Der größte Arbeitgeber der Region, die Pacific Lumber Company, kurz Palco, ist hier schon seit dem 19. Jahrhundert aktiv. Lange Zeit betrieb die Firma ihr Geschäft nachhaltig, sie ließ die größten Bäume stehen und schlug die anderen langsam ein, sodass die Wälder Zeit hatten, sich zu erholen.

Giganten im Vergleich

© ZEIT-Grafik

1985 jedoch kaufte der texanische Unternehmer Charles Hurwitz die Firma Palco. Hurwitz interessierte sich nur für seinen Profit und verdreifachte die Einschlagrate. Kahlschläge, unter den ansässigen Forstleuten eigentlich verpönt, wurden normal.

Doch ohne Bäume keine Wurzeln, und ohne Wurzeln gab es nichts, was an den Hängen der hügeligen Landschaften den Boden festhielt. 1996 rutschte nach so einem großflächigen Kahlschlag in der Nähe eines Kaffs namens Stafford, 50 Kilometer landeinwärts von Eureka gelegen, eine Lawine aus Geröll und Schlamm einen Hang hinunter. Sie begrub acht Wohnhäuser; nur durch Glück kam dabei kein Anwohner ums Leben. Dies war die Initialzündung für einen jahrelangen und folgenreichen Protest, mit dem die Umweltschutzorganisation Earth First auf die Lage der kalifornischen Mammutbäume aufmerksam machte.

Im Zentrum ihrer Aktionen stand ein mehr als 1.000 Jahre alter Redwood, den Aktivisten entdeckten, als sie sich in einer Vollmondnacht in den Wald schlichen, der Palco gehörte. Der Baum, so hoch wie der Schiefe Turm von Pisa, so aufrecht wie die Säulen des Petersdoms, trug eine blaue Markierung am Stamm, das Zeichen, dass er gefällt werden sollte. Die Leute von Earth First gaben dem Riesen in Erinnerung an die Mondnacht den schönen Namen Luna. Sie beschlossen, ihn zu retten. Und bauten eine Plattform knapp unterhalb der Krone. Jeweils für ein paar Tage kletterten Baumbesetzer nach oben.