DIE ZEIT: Frau Schröder, Sie waren die erste Bundesministerin, die im Amt ein Kind bekommen hat. Später sagten Sie, das sei "hammerhart" gewesen. Was genau war so hart?

Kristina Schröder: Abgeordnete und Minister haben kein Recht auf Elternzeit. Sie müssen also acht Wochen nach der Geburt wieder einsteigen, und das ist hammerhart, denn dann haben Sie wirklich noch einen Säugling. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern, die in Wiesbaden wohnen, in jeder Sitzungswoche nach Berlin gekommen sind. Eine bessere und liebevollere Betreuung hätte ich mir nicht wünschen können. Und dennoch fiel es mir sehr schwer, die Kleine so früh schon tagsüber nicht zu sehen.

ZEIT: Und Sie hätten wirklich nicht länger pausieren können?

Schröder: Dann hätte ich das Amt niederlegen müssen. Das Abgeordnetenmandat sieht keine Babypause vor, und ich verstehe sogar, warum: Als Abgeordneter ist man nun mal gewählt, oft sogar direkt. Dem Wähler zu sagen, Pech gehabt, deine Stimme ist jetzt einfach mal ein paar Monate nicht im Bundestag vertreten, das finde ich demokratietheoretisch schon problematisch.

ZEIT: Sie waren also selbst noch ziemlich k. o., und gleichzeitig standen Sie voll unter Druck.

Schröder: Ich habe mir für eine Ministerin viel rausgenommen. Ich habe weniger Abendtermine gemacht und weniger Wochenendtermine. Manches konnte ich auch daher innerlich leichter absagen, weil ich schon wusste, dass ich nach der Legislatur nur noch als einfache Abgeordnete weitermachen will. Deshalb musste nicht jeder Talkshow-Auftritt sein. Und trotzdem habe ich meine erste Tochter nach meinem Empfinden zu wenig gesehen, ich war fast jeden Tag zehn Stunden aus dem Haus.

ZEIT: Konnten Sie mit Ihrer Chefin, der Kanzlerin, darüber reden?

Schröder: Mit ihr am allerbesten, sie hat auch von sich aus nachgefragt. Sie hat zwar keine Kinder, aber sie weiß natürlich wie keine andere, was es bedeutet, wenn man Nacht für Nacht zu wenig Schlaf bekommt.

ZEIT: Die anderen Kollegen haben Sie weniger gut verstanden?

Schröder: Mit meinem engsten Umfeld hatte ich immer ein sehr offenes Verhältnis. Aber wenn ich in einem größeren Kreis darüber gesprochen hätte, wäre mir das schnell als Schwäche ausgelegt worden. Das funktioniert in der Politik und den Medien einfach nicht. Nehmen Sie die Spiegel-Geschichte über Martin Schulz als Kanzlerkandidat. Ehrlich, authentisch spricht er über alle Höhen und Tiefen seiner Kandidatur. Und was schreibt die Bild am nächsten Tag: "SPD-Kandidat jammerte schon im Wahlkampf." Es gab aber auch bei mir Situationen, von denen ich heute sagen würde: Da hätte ich offensiver rangehen müssen. Es gibt zum Beispiel das Ritual der Bereinigungssitzung im Haushaltsausschuss, da werden alle Minister vor den Ausschuss zitiert und zu ihren Haushaltswünschen befragt. Zum Spiel gehört, dass man die Minister dann gerne ein paar Stunden vor dem Ausschuss warten lässt. Manchmal werden auch noch mal ein paar Millionen Euro gestrichen, wenn die Haushälter mit den Antworten nicht zufrieden sind. Das ist schon eine Art Kraftprobe. Und das fiel in die Phase, als ich voll gestillt habe. Für mich war das eine ziemliche Katastrophe, zwei, drei Stunden warten zu müssen. Das ist ja nicht nur für das Baby hart, sondern auch für den eigenen Körper.