Wer heute als Jugendlicher im Nahen Osten oder in Nordafrika aufwächst, hätte allen Grund, die Zukunft zu fürchten. Die Region ist gebeutelt von Korruption und Wirtschaftskrisen, Länder versinken in Bürgerkrieg und Chaos oder verwandeln sich in Polizeistaaten. Die Aussichten auf einen Job sind miserabel.

Und trotz alldem glaubt die deutliche Mehrheit der Jugendlichen zwischen Bahrain und Marokko an eine gute Zukunft. Für sich – das denken 65 Prozent – und auch für die Gesellschaft, in der sie leben (70 Prozent). Das ist das verblüffende Ergebnis einer Studie, die die Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben hat. "Zwischen Ungewissheit und Zuversicht" ist ein wahres Mammutwerk. 9.000 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren wurden befragt, in acht Ländern der sogenannten Mena-Region – also in Nahost und Nordafrika, darunter Ägypten, Tunesien, der Jemen, auch in Palästina. Zahlreiche Wissenschaftler und Forschungsinstitute in Deutschland und Nahost waren daran beteiligt, federführend war die Universität Leipzig. Ihre Leitfrage: Wie gehen die Jugendlichen mit den Unsicherheiten und Ungewissheiten ihres Alltags um?

Die Studie ist auch eine Pionierarbeit. Bisher wurde die Lage junger Menschen in der Mena-Region kaum länderübergreifend untersucht. 200 Fragen haben sie beantwortet und von ihrer Lebenssituation, ihren Werten und Zielen, ihrem Selbstverständnis, von Politik und Religion erzählt. Es ist eine Momentaufnahme aus dem Sommer 2016, fünf Jahre nach dem gescheiterten Arabischen Frühling.

Warum aber ist die Stimmung so viel besser als die Lage? Zieht man einen Vergleich zur jüngsten Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2015, zeigt sich gar, dass die arabischen Jugendlichen zuversichtlicher als die deutschen sind. Ist das Zweckoptimismus, getreu dem Motto: Schlimmer kann es ohnehin nicht mehr kommen?

Die Volksvertreter im Parlament scheinen diese optimistische Grundhaltung nicht befördert zu haben. Viele Jugendliche haben sich von der Politik abgewandt. Auf einer Rangliste der wichtigsten Werte findet sich "politisches Engagement" auf Rang 28 – das ist der letzte Platz. In Tunesien gaben 67 Prozent der Befragten an, nicht an Politik interessiert zu sein, in Jordanien 70 Prozent. Das Vertrauen in Politiker, Parteien und Parlamente ist gering. Eine Marokkanerin, 30 Jahre alt, sagt: "Politiker arbeiten nicht so gut, wie sie sollten. Sie sagen, sie wollen das Analphabetentum bekämpfen. Aber sie reden nur. Sie unternehmen nichts."

Das Desinteresse und Misstrauen beschränkt sich aber auf die klassischen politischen Institutionen. Die begleitenden Interviews zeigen: Die Jugendlichen sind durchaus bereit, sich für die Gesellschaft zu engagieren, etwa in Nichtregierungsorganisationen. Und trotz der teilweise desaströsen Lage sind im Schnitt nur zehn Prozent entschlossen, ihr Heimatland zu verlassen.

Aus der Frage, welche Regierungsform sie bevorzugen, ergeben sich zwischen den einzelnen Ländern große Unterschiede. Während sich im Libanon, in Ägypten und Tunesien die Mehrheit ein demokratisches System wünscht, sind es in Marokko nur 23 Prozent. 27 Prozent wünschen sich dort einen starken Mann an der Spitze des Staates, in Jordanien sind es 32 Prozent.

Länderübergreifend gilt: Größer als das Vertrauen in politische Institutionen ist das in die Familie. Sie ist für die Mehrheit der einzige Ort, der Sicherheit bietet.

Ganz oben auf der Werteskala aber, auf Platz eins, steht der Glaube an Gott. Die Jugendlichen bezeichnen sich dabei als religiöser als vor fünf Jahren. Die Autoren der Studie interpretieren die zunehmende Religiosität als Ersatz für mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten. Bildung wurde in Nahost zu einem leeren Versprechen. Die Bevölkerung wächst um ein Vielfaches schneller als der Arbeitsmarkt. Obwohl besser ausgebildet als ihre Eltern, haben sich die Jobaussichten der Jugendlichen verschlechtert. Religion gibt Sicherheit und stiftet Hoffnung angesichts düsterer wirtschaftlicher Aussichten. Denn tatsächlich zeigt die Studie, dass die Befragten umso optimistischer in die Zukunft blicken, je religiöser sie sind.

Das erklärt auch, warum sich Frauen im Schnitt religiöser einstufen als Männer – in der gesamten Region sind ihre Aufstiegschancen noch geringer als die der Männer. Eine Hochschulabsolventin aus dem Jemen, 28 Jahre alt, wird mit den Worten zitiert: "Obwohl ich in harten Zeiten mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen lebe, vertraue ich auf Gott, dass solche Krisen ein Ende finden und wir die Korruption besiegen und eine bessere Zukunft haben werden."

Die Religiosität ist dabei nicht an den Bildungsgrad und die Schichtzugehörigkeit gebunden. Damit widerlegen die Umfrageergebnisse eine gängige These, die da lautet: "Je ärmer, desto religiöser". Im Gegenteil kommen nämlich diejenigen, die sich als sehr religiös einstufen, häufig aus einem finanziell abgesicherten Elternhaus und haben Väter mit einem hohen Bildungsabschluss.

Eine Stärkung des politischen Islamismus geht mit der zunehmenden Frömmigkeit nicht einher. Die junge Generation sieht Religion als reine Privatangelegenheit und misst ihr keine politische Rolle zu. Nur elf Prozent wünschen sich ein politisches System, das auf der Scharia fußt. Rachid Ouaissa, Professor am Centrum für Nah- und Mitteloststudien an der Uni Marburg und Autor des Kapitels über Religion, zieht daraus den Schluss: "Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt." Vielleicht ist das ein verwegener Gedanke. Aber er macht Hoffnung.

Übrigens: An zweiter Stelle der Werteskala steht der Wunsch nach einem Leben ohne Gewalt und nach ökonomischer Sicherheit. Und das ist, um noch einmal die Shell-Studie heranzuziehen, dann doch wieder sehr nah an den Wünschen der Jugendlichen in Deutschland.