Nein, es geht hier keineswegs um das, was immer gilt: dass Utopien gebraucht werden, um die Fantasie aus dem Gefängnis der Gegenwart zu befreien oder aus dem Freigehege des Morgen und Übermorgen. Utopie ist hier kein bloß hermeneutisches Verfahren, mit dem sich herausfinden lässt, was man sonst noch so denken könnte.

Tatsächlich scheint die Welt (ja, das ist ein großes Wort!) an einem Punkt angekommen zu sein, an dem nur noch Utopien helfen, weil die normale, pragmatische, mittlere Vernunft und Politik immer öfter mit ihrem Latein am Ende sind. Und das hat zu tun mit der Flaschenhals-Phase der Menschheit, in der wir uns ohne Zweifel befinden.

Immer mehr Menschen leben auf der Erde, die immer mehr materielle wie ideelle Ansprüche erheben und die einander über soziale Medien ständig beobachten, ärgern, berühren und beneiden; zugleich stößt diese wachsende und oftmals wütende Menschheit an die Grenzen der Natur. Der Klimawandel, der seit einem Vierteljahrhundert prognostiziert wird, hat begonnen, die Folgen machen sich täglich zunehmend bemerkbar. Auch das macht die Räume eng. Die Fischpopulation schrumpft, die Meere müllen zu, und das Trinkwasser avanciert wieder zu einem Kriegsgrund.

Das ist die prekäre Lage der Menschheit. Und wir sind mittendrin.

Soll das alles nicht zu brutalen Verteilungskämpfen und bitterem Verzicht führen, dann muss es utopische Durchbrüche geben. Die Städte dieser Welt beispielsweise vertragen den Autoverkehr nicht mehr, daran lässt sich nur noch wenig reformieren. Entstehen muss eine neue Stadt, in der das Leben weniger stressig wird und der Raum des Wohnens schöner und ruhiger. Damit hängt noch eine andere Dilemma-Debatte zusammen. Gerade in diesem Jahr wurde hierzulande heiß und polemisch diskutiert, ob der Verbrennungsmotor wegen der Abgase oder der Elektromotor wegen der Rohstoffe, die er verbraucht, schlimmer ist. Die Antwort lautet auch hier: andere Mobilität in fahrradgerechten Städten. Das ökologisch Unabweisliche und das menschlich Zuträgliche fallen dabei in eins – und genau darin liegt das utopische Surplus, ohne das die Menschheit es schwer haben wird, durch die Flaschenhälse gut durchzukommen.

Das gilt aber auch, um eine andere Ebene zu betreten, für all die Konflikte wie im Mittleren Osten, die schon zu einer Art düsterem Menschheitsritual verkommen sind. Entweder werden sie in dieser neuen Epoche der Geschichte gelöst, oder sie mutieren vollends zur Hölle.

Darum machen wir uns auf den folgenden Seiten auf die Suche nach gewissermaßen pragmatischen Utopien. Man könnte sie auch Mut der Verzweiflung nennen.