Wer Utopia sucht, muss in die Wüste von Arizona reisen. Dort liegt, an einen Felsenhang geschmiegt, Arcosanti. Ein Ort mit guter Luft und überschatteten öffentlichen Plätzen. Gebaut ist die Experimentalstadt aus natürlichen Materialien, voller verrückter Details, hier eine hohe Kuppel, dort ein Balkon mit atemberaubender Aussicht, da ein kleiner See.

Als der in Italien geborene Architekt Paolo Soleri in den siebziger Jahren die ersten Ziegel für Arcosanti brennen ließ, wollte er nicht nur bauen. Seine neue Stadt sollte nicht weniger sein als ein Dienst an der Architektur, der Umwelt und dem Menschen. Die Orte zum Arbeiten und Wohnen sollten eng beieinanderliegen, damit Autos und breite Straßen überflüssig werden. Viele Menschen würden so auf engem Raum friedlich zusammenwohnen und Neues schaffen. Und sie würden nicht mehr gegen, sondern mit der Natur leben. Ökotopia eben.

Arcosanti ist bis heute nicht fertig. Und doch besuchen jedes Jahr Tausende Menschen die Utopie-Baustelle. Ganz offensichtlich stillt der Ort eine Sehnsucht, die viele Städter teilen. Sie träumen von einer freundlichen Stadt, von mehr Grün in ihrer Nachbarschaft, von sauberer Luft und Ruhe. Von Läden, Schulen, Theatern und Kneipen, die um die Ecke liegen, von Jobs ohne weite Anfahrtswege, von bezahlbaren Wohnungen – und das alles auch noch CO₂-neutral.

Viele Details von Arcosanti finden sich bereits in bestehenden Städten. Auch dort gibt es Wohnungen mit schöner Aussicht, Solarheizung und Grün in der Nähe – für Leute mit Glück oder Geld. Für immer mehr Menschen jedoch ist ein grünes Leben in der Großstadt unerschwinglich. Sie ziehen in die gesichtslosen Vororte, pendeln im Stau zur Arbeit und kaufen in öden, immer gleich aussehenden Shoppingmalls, auf deren riesigen Parkplätzen nach Ladenschluss Finsternis herrscht.

Wer das ändern will, darf den Ökotraum nicht aufs heimische Kompostieren beschränken oder auf ein paar technische Lösungen hoffen, auf grüne Stromerzeugung etwa oder bemooste Dächer. Er muss radikal handeln, und das bedeutet: Platz umverteilen. Raum planen. Die Stadt für deren Bürger freundlicher machen.

Platz ist für das Leben in der Stadt existenziell, weil er knapp ist. Trotzdem ignorieren die meisten Bürger und Politiker diese Tatsache – weil sie es nicht besser wissen, nicht wissen wollen oder weil sie ganz einfach vergessen haben, dass Politik etwas ändern könnte. Also überlassen sie die Gestaltung ihrer Stadt weitgehend dem Markt, der Gewohnheit oder gar dem Zufall. Mit brutalen Folgen für Mensch und Umwelt.

Am Neckartor in Stuttgart kann man beispielhaft sehen, wie diese Achtlosigkeit einen Ort zerstört. Jeden Tag fahren dort 80.000 Fahrzeuge vorbei, es brummt und röhrt ständig. Nirgends in Deutschland ist die Luft dreckiger. Dort zu wohnen macht krank. Das Neckartor ist das Gegenteil von Utopia. Und doch haben die meisten Städte heute ihr Neckartor – weil die falsche Verkehrsplanung hingenommen wird, als sei sie Schicksal.

Verkleinert die Straßen! Pflanzt Bäume auf Parkbuchten!

Wer den Traum vom Leben in einer leisen, sicheren und sauberen Stadt verwirklichen will, muss also zuerst und vor allem den Verkehr stoppen. Konkret: Verkleinert die Straßen! Pflanzt Bäume auf Parkbuchten! Und hört auf, alle Dieselfahrzeuge durch E-Autos ersetzen zu wollen. Die sind zwar leiser, aber wenn jeder eines fährt, brauchen sie genauso viel Platz.

Lasst saubere Busse fahren, am besten elektrisch betrieben, gespeist mit Solarstrom. Investiert in die Digitalisierung, damit Taxen mehrere Passagiere sammeln und von Ort zu Ort bringen. Bevorzugt Radfahrer und Fußgänger. Wagt den Krach mit den Autofahrern – und wenn die etwas von Freiheit erzählen, schenkt ihnen Freifahrkarten für Busse und Bahnen. Zeigt ihnen die Kinder, die dort spielen, wo früher Parkplätze waren. Die Menschen, die auf breiten Boulevards vor Cafés sitzen. Lasst sie die Blumen riechen und die Vögel hören, die dann auch Platz in der Stadt haben.

Verrückt? Nein. Norwegens Hauptstadt Oslo will bis 2019 alle Autos aus dem Stadtzentrum verbannen, dafür den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. New York hat die Bürgersteige vor dem Flatiron Building in Manhattan vergrößert und Blumen gepflanzt, wo früher Autos brummten. Amsterdam lässt nur die Radfahrer überall durchkommen. Kopenhagen baut Brücken eigens für Radler, die Planer der dänischen Hauptstadt sagen offen: Wer eine grüne Stadt will, muss den Konflikt mit den Autofahrern wagen. Das gebe zwar Proteste, dann aber steige die Attraktivität der Stadt.

Die Umverteilung von Raum ist auch der Schlüssel für besseres Wohnen, Leben und Arbeiten. In den vergangenen Jahren verkaufte der Staat seine Häuser und Plätze oft an den Meistbietenden. Mit den bekannten Folgen: Die Zentren werden zu Luxusorten für reiche Eigentümer; die anderen stehen im Stau. Also muss auch der Platz zum Wohnen und zum Arbeiten nach neuen Kriterien verteilt werden. Wer ihn haben will, muss etwas für das Gemeinwohl tun.

Warum nicht jeden Mall-Betreiber verpflichten, einen kostenlosen Kinderspielplatz mitzubauen – oder einen Dachgarten? Schließlich steht im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Warum nicht Brachen und Abbruchgrundstücke erhalten – oder sie an kreative Menschen mit vielen Ideen, aber wenig Geld vergeben?

Das "Kreativdorf" Holzmarkt in Berlin ist ein Beispiel dafür. Das Projekt entstand direkt an der Spree auf einem sogenannten Filetgrundstück und machte es so für viele Menschen nutzbar. Heute zieht sich dort ein Garten bis ans Wasser, in Ökohäusern haben sich Start-ups eingemietet, Kinder spielen in einer Kita – und Künstler aus aller Welt kommen für Gastvorstellungen vorbei. Und immer wieder entsteht Neues. Die Versöhnung von Architektur, Natur und Menschen – sie gelingt mitten in Berlin.

Um nicht missverstanden zu werden: Für Ökotopia muss man den Kapitalismus nicht abschaffen. Aber man muss ihn anders regeln. Denn Kreativität entsteht in Freiräumen. Natur braucht Platz zum Wachsen, Menschen brauchen Orte zum Sein. Das alles können Bürger schaffen, die sich einmischen und den Platz, den sie teilen, mit Fantasie nutzen. Und die nicht dem Märchen aufsitzen, dass der Markt schon alles richten werde.