Donald Trump war wie stets begeistert von seiner Arbeit. "Historische Steuerentlastung für das amerikanische Volk", verkündete der US-Präsident auf Twitter, nachdem der Kongress kurz vor den Feiertagen seine Steuerreform abgesegnet hatte. Sie bündelt drastische Abgabensenkungen für Unternehmen und großzügige Erleichterungen für die Reichen im Land. Das Tax Policy Center, eine liberale Denkfabrik, hat ausgerechnet, dass 80 Prozent der Steuersenkungen Amerikanern mit Einkommen von über einer Million Dollar zugutekommen. Wer mehr als 28 Millionen Dollar einnimmt, spart durchschnittlich 150.000 Dollar im Jahr. Eine Summe, die fast dreimal so hoch ist wie das mittlere Haushaltseinkommen des Landes. "Fertig ist das Weihnachtsgeschenk", jubelte das Boulevardblatt New York Post, das dem Medienzar und Trump-Freund Rupert Murdoch gehört. Doch unter den Milliardären findet der Jubel erstaunlicherweise wenig Widerhall – ganz im Gegenteil.

Im Vorfeld der Abstimmung schrieben 400 selbst erklärte Vertreter des reichsten einen Prozentes des Landes einen offenen Brief an die Abgeordneten im US-Kongress. Darin hieß es: "Es ist weder weise noch gerecht, Reichen Steuergeschenke auf Kosten von Arbeiterfamilien zu machen." Tom Steyer, ein Hedgefondsmanager aus Kalifornien, geißelt die Steuerreform als "Robin Hood, nur umgekehrt" und schaltete gar für 10 Millionen Dollar TV-Spots, in denen er zur Amtsenthebung von Trump aufruft.

Es ist nicht nur der Gerechtigkeitssinn, der Steyer und seine Verbündeten umtreibt. Sie fürchten, dass durch die Steuerreform die soziale Ungleichheit rasant zunimmt und noch mehr politische Verwerfungen ausgelöst werden. Diesen Preis wollen viele Superreiche offenbar nicht zahlen, weil sie besonders zwei Dinge in den USA schätzen: Stabilität und Sicherheit.

Allein die Hoffnung auf wirtschaftsfreundliche Gesetze der Regierung Trump hat schon dafür gesorgt, dass die Reichen noch reicher werden. Seit er vor einem Jahr gewählt wurde, steigt der Aktienindex S&P 500, der die Kursentwicklung der 500 größten US-Unternehmen abbildet, fast täglich. Heute notiert er mit rund 2700 Punkten etwa 30 Prozent höher als am Wahltag, dem 8. November 2016. Den Aktionären bescherte das einen Vermögenszuwachs von 3,65 Billionen Dollar. Eine Summe, die alle Deutschen zusammen in einem Jahr erwirtschaften. Alan Valdes, der als Praktikant auf dem Parkett der New Yorker Börse anfing und seit vier Jahrzehnten dort als Händler arbeitet, hat das noch nie erlebt: "Die Rekorde fielen so schnell, dass einem schwindelig wurde."

Dazu kommt, dass manche Vermögende nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld. Besonders bizarr ist der raketenartige Anstieg der Digitalwährung Bitcoin (siehe Seite 22). Im Januar kostete ein Bitcoin 990 Dollar, Mitte Dezember waren es 18.000 Dollar. Auf dem Kunstmarkt werden ebenfalls nie da gewesene Summen erzielt. Leonardo da Vincis Salvator Mundi wurde jüngst für 450 Millionen Dollar versteigert. Rekord.

"Alles geht ab", stellten die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs in einem Bericht Anfang Dezember fest. So glänzend sei die Lage an den Märkten zuletzt in den Goldenen zwanziger Jahren gewesen. Und wie damals gibt es Anzeichen dafür, dass dieser Boom verheerende Folgen haben könnte, weshalb die besorgten Milliardäre sich nun ein wenig vor den Steuersenkungen und der damit wohl wachsenden Ungleichheit fürchten.

Während knapp die Hälfte der Amerikaner laut einer Umfrage der US-Notenbank im Notfall nicht einmal 400 Dollar in bar aufbringen können, haben die Superreichen seit der Finanzkrise ordentlich zugelegt. Laut dem Global Wealth Report der Credit Suisse vom November haben die weltweiten Vermögen inzwischen 280 Billionen Dollar erreicht. Das sind 27 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Den größten Teil dieser Zuwächse sicherte sich das oberste Prozent, die besonders Reichen der vermögenden Klasse. Zur Jahrtausendwende belief sich deren Anteil am gesamten Vermögen aller Haushalte auf 45,5 Prozent, heute sind es 50,1 Prozent. Es ist diese Gruppe, die hauptsächlich für die Jagd auf Rekorde verantwortlich ist. Ihre Mitglieder müssen nämlich irgendwohin mit ihrem Geld und auch mit den Gewinnen, die sie mit den Gewinnen erzielt haben.

"Man wird uns mit Mistgabeln jagen"

Wie durch Vermögen mehr Vermögen geschaffen wird, lässt sich eindrucksvoll am Rückkauf von Aktien beobachten, den viele Konzerne betreiben. Dabei kaufen Unternehmen an der Börse ihre eigenen Aktien zurück. Durch die steigende Nachfrage und die Verknappung des Angebots steigt der Preis. Das ist gut für die Aktionäre – ihre Papiere sind nun mehr wert. Dabei könnten die Unternehmen mit dem Geld auch anderes tun: Sie könnten die Löhne erhöhen, in Fabriken oder neue Produkte investieren. Doch die Manager entscheiden sich sehr häufig dafür, das Geld den Aktionären zugutekommen zu lassen. Das fällt ihnen oftmals nicht schwer, weil sie selbst in der Regel mit Aktienpaketen belohnt werden. Die Dimensionen sind gewaltig: Seit 2008 haben US-Unternehmen für vier Billionen Dollar eigene Anteile aufgekauft. Allein im Jahr 2015 gaben sie für Aktienrückkäufe 561 Milliarden Dollar aus – das waren 100 Milliarden Dollar mehr, als sie im gleichen Zeitraum in Forschung und Entwicklung investierten.

Nicht selten gehen die Aktienrückkäufe mit Stellenabbau einher. Wie etwa beim Computer- und Druckerhersteller Hewlett Packard, der 2015 in derselben Pressemitteilung ankündigte, 30.000 Jobs zu streichen und eigene Aktien für 700 Millionen Dollar zurückzukaufen.

Großanleger drängen die Finanzchefs außerdem, zusätzliches Kapital zu leihen, um die historisch niedrigen Zinsen zu nutzen. Diese niedrigen Zinsen sind eine Langzeitfolge der jüngsten Finanzkrise. Um eine wirtschaftliche Depression zu vermeiden und Unternehmen zu Investitionen zu animieren, senkten die Notenbanken die Leitzinsen drastisch. Während die Zinsen auf niedrigem Niveau verharrten, blieb die Erholung dennoch lange aus. Bis heute stagnieren Löhne und Gehälter.

Wer profitiert, sind die Anleger. Viele Unternehmen finanzieren ihre Aktienrückkaufprogramme mit dem billigen Geld auf Pump. Das heißt, sie verschulden sich, um die Schulden in Gewinne für ihre Aktionäre zu verwandeln. Seit 2010 haben allein US-Unternehmen knapp acht Billionen Dollar Schulden aufgenommen. Den Internationalen Währungsfonds veranlasste das im Frühjahr dazu, vor einer Konkurswelle zu warnen für den Fall, dass die Zinsen deutlich steigen. Zwar würden bei einer Pleitewelle auch die Investoren verlieren. Vor allem aber würde sie die Arbeitsplätze von Normalverdienern vernichten.

Der Investor Nick Hanauer schreibt im Magazin The Atlantic, Aktienrückkäufe könnten die US-Wirtschaft ruinieren. Hanauer hat es dank früher Investments in Amazon selbst zum Milliardär gebracht. Heute meint er einen anderen Trend zu erkennen. Die Rückkäufe stellten die Funktion der Börse auf den Kopf: Eigentlich sollten Anleger über den Kauf von Aktien den Unternehmen Kapital verschaffen. Doch durch Aktienrückkäufe entzögen sie dem Unternehmen stattdessen finanzielle Mittel. Gleichzeitig fehlten Jobs für eine breite Mittelschicht, mit verheerenden sozialen und politischen Folgen, fürchtet Hanauer. Er warnt seine Milliardärskollegen: "Man wird uns mit Mistgabeln jagen."

Selbst auf der Wall Street wird die Gruppe jener, die Milliardengewinne einstreicht, kleiner und umso wohlhabender. Veteranen wie der Parketthändler Valdes erinnern sich noch an die Zeit vor der Finanzkrise, als in den Monaten vor der Jahreswende die legendären holiday parties gefeiert wurden, bei denen Grey-Goose-Wodka wie Wasser floss, Sambatänzerinnen eingeflogen wurden und Kellnerinnen beim Steakhaus Delmonico’s en passant einen Tausender als Trinkgeld zugesteckt bekamen. Heute dagegen gibt es statt Champagner abends eine Runde Coors Light. "Es ist ja kaum noch einer da zum Jubeln", klagt der Börsenhändler.

Als er anfing, drängten sich 12.000 Händler, Banker, Aufseher und Laufburschen auf dem New Yorker Parkett. Heute ist noch ein Handelsraum übrig, in dem sich die verbliebenen 400 Börsianer verlieren. Die Automatisierung hat die Finanzbranche in den USA mit Macht erfasst. Seit der Krise 2008 wurden dort mehr als 500.000 Stellen gestrichen. Früher profitierte auch die Mannschaft in den unteren Etagen der Investmenthäuser von den Gewinnen. Doch dank Computern und cleverer Algorithmen bleibt weniger hängen. Auch an der Wall Street gilt im Wettbewerb zwischen Kapital und Arbeit: Wer für sein Einkommen arbeiten muss, verliert.

Selbst den Profiteuren der Entwicklung schwant, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird. Beim Gipfeltreffen der Luxuswarenindustrie in Monaco vor zwei Jahren gestand Johann Rupert, Verwaltungsratschef des Schweizer Richemont-Konzerns, zu dem unter anderem der Füllerhersteller Montblanc und die Juwelierkette Cartier gehören, er habe Albträume. Der Südafrikaner, dessen Vermögen Forbes auf sieben Milliarden Dollar hochrechnet, fürchtet, dass Roboter zunehmend Arbeitsplätze vernichten und dass dies den unausweichlichen Aufstand der Armen zur Folge haben wird. Das werde das Geschäft der Branche einbrechen lassen, weil sich niemand mehr traue, Luxusgüter zu erwerben, so Rupert.

Kürzungen bei Sozialausgaben, der staatlichen Gesundheitsvorsorge und der Rente

Bei der Konkurrenz in New York versucht man es mit Produkten, die bescheiden wirken, es aber nicht sind. Der Edeljuwelier Tiffany’s an der noblen Einkaufsmeile Fifth Avenue hat pünktlich zur Geschenkesaison seine neue "Everyday Objects Collection" präsentiert. Gegenstände des täglichen Gebrauchs, bei denen laut Pressemitteilung "Kreativität und Witz auf feinste Materialien treffen". Wie etwa eine Büroklammer in 18-karätigem Gold oder eine Blechdose aus Silber für je 1.500 Dollar. Für besonders Humorvolle gibt es, wie es in der Beschreibung heißt, ein "drolliges Fadenknäuel", das zwar keinen erkennbaren Nutzen hat, dafür aber aus Sterlingsilber gesponnen und für 9.000 Dollar zu haben ist. Die Hochglanz-Modepostille Vogue hat derweilen für ihre so betuchten wie engagierten Leserinnen passende Geschenke ausgesucht. Etwa ein Lackhandtäschchen mit der Aufschrift #Truth für 1.295 Dollar oder Proletarier-Armketten in Messing für 990 Dollar. Nach den gewalttätigen Protesten in Virginia im Sommer zeigte die New York Times in ihrer Stilbeilage im November, was die Frau von Welt trägt, um vorbereitet zu sein: schwarze Arbeiter- oder Militärstiefel, Hosen, Skimaske, Handschuhe und Jacke, etwa vom Sportausstatter The North Face. Wer will, kann den Look mit Accessoires wie einer Gasmaske, einer Schutzbrille oder einem Schild vervollständigen.

Wie weit sich die Geldelite vom Rest der Welt entfernt hat, zeigt sich kaum irgendwo bildhafter als am Südrand des Park, den sein Schöpfer Frederick Law Olmsted einst als "demokratischen Ausdruck von höchster Bedeutung" entwarf. Heute erhebt sich dort eine Hochhaussteilwand, unter New Yorks Normalverdienern besser bekannt als Billionaires Row, die Straße der Milliardäre. Mit 90 Stockwerken ragt das Hochhaus One57 wie ein Mittelfinger aus Stahl und Glas über die umstehenden Hochhäuser. So gewaltig ist der 2013 fertiggestellte Bau, dass er im Winterhalbjahr die Mittagssonne blockiert und die Schaukeln des Spielplatzes dahinter im Schatten versenkt. Dank des Turms, von Architekturkritikern als "lidschattenfarbener Klotz" verspottet, wird es für die Kinder im Winter dort 90 Minuten früher dunkel. Proteste einer Bürgerinitiative gegen den Bau verhallten.

One57 ist typisch für den Immobilienboom nach der Krise. Zu den frühen Käufern gehörte der Hedgefondsmanager Bill Ackman, der mit anderen Investoren zusammen "zum Spaß" eine der Einheiten für 90 Millionen Dollar erwarb. Der Plan sei, die Wohnung mit einem gläsernen Wintergarten später einmal für das Fünffache loszuschlagen, vertraute er damals dem Magazin Vanity Fair an. Eine chinesische Geschäftsfrau kaufte in dem Gebäude eine Bleibe für die Tochter. Die war zu dem Zeitpunkt zwar erst zwei Jahre alt, doch wie ihre Mutter dem Makler erklärte, wolle sie schon einmal eine Studentenbude haben, wenn die Kleine später zur Eliteuniversität Harvard pendelt.

Eine der One57-Wohnungen kam vor Kurzem unter den Hammer, nachdem ein nigerianischer Ölbaron wegen Korruption und Geldwäsche ins Visier der US-Behörden geraten war. Solche Enthüllungen sind allerdings selten. Laxe Vorschriften sorgen dafür, dass anonym bleiben kann, wer möchte. So sind bei mehr als der Hälfte der One57-Wohnungen nicht natürliche Personen, sondern Gesellschaften als Eigentümer eingetragen. Wem die Gesellschaften gehören, ist schwer nachzuvollziehen, weil die Spur meist zu einer weiteren anonymen Gesellschaft führt – das Hütchenspiel der oberen Zehntausend. Für das One57-Penthouse etwa blätterte ein Käufer, der seine Identität hinter einer GmbH namens P89-90 verbarg, 100,5 Millionen Dollar hin, was das Apartment zum teuersten in New York machte. (Das Gerücht, es habe sich um den Premier von Katar gehandelt, wurde von der Immobiliengesellschaft dementiert.)

Die neue Transparenz der Finanzbehörden in Steueroasen wie der Schweiz hat den Immobilienmarkt der Stadt noch attraktiver gemacht. Die New York Post schrieb gar: "New Yorks schickste Wolkenkratzer sind die neuen Nummernkonten." Allein in den Jahren 2010 bis 2015 flossen in der Stadt acht Milliarden Dollar in Luxusapartments, rund die Hälfte wurden im Namen anonymer Gesellschaften erworben und in Cash bezahlt. Dabei bleiben die privaten Kinosäle, die Bibliotheken und Infinity-Pools häufig ungenutzt. Ein Drittel der Wohnungen um den Central Park steht laut dem US Census Bureau zehn Monate im Jahr leer.

Der New Yorker Durchschnittsbürger mag solche Quartiere nie betreten, doch der Boom der Ultra-Luxus-Immobilien hat direkte Folgen für den Rest der Stadtbewohner. Die von Manhattan ausgehende Gentrifizierung hat inzwischen sogar East New York erreicht, einen Stadtteil, der auf Touristenrouten nicht vorkommt und den auch viele New Yorker meiden. Das Viertel führte 2016 die Kriminalstatistik der Metropole an. Das mittlere Haushaltseinkommen beträgt 34.500 im Jahr – in etwa die Summe, die der One57-Penthouse-Eigner im Monat für Nebenkosten ausgibt. Trotzdem sind in den vergangenen zwei Jahren die Immobilienpreise dort um mehr als 30 Prozent gestiegen – mit entsprechend teureren Mieten. Sie legen in der Metropole doppelt so schnell zu wie die Löhne. Selbst wer einen Job – oder wie viele in New York mehrere Jobs – hat, kann sich schnell auf der Straße wiederfinden. 64.000 New Yorker schlafen jede Nacht in einem der Obdachlosenheime, knapp zwei Drittel davon sind Familien mit Kindern.

Trumps Steuergeschenke an den Geldadel werden diese Entwicklungen beschleunigen: Weil dem Staat künftig Einnahmen fehlen, werden Kürzungen bei Sozialausgaben, der staatlichen Gesundheitsvorsorge und der Rente unausweichlich sein. Sicher ist schon jetzt, dass Schwerkranke ihre Behandlungskosten künftig schwerer von der Steuer absetzen können wie auch Studenten die Zinsen auf ihre Studienkredite. Das soll Verluste in der Steuerkasse durch Geschenke an Unternehmen und Reiche zum Teil gegenfinanzieren.

Aufstände gibt es bislang keine. Aber Anzeichen für Protest. Während Trumps Parteifreunde die Steuerreform in Washington feierten, montierten Arbeiter den Namen des Präsidenten von der Fassade des Trump Soho Hotel ab. Das Vorzeigeobjekt in New York litt zuletzt unter Gästemangel, nachdem Prominente wie der Basketballstar LeBron James es boykottiert hatten. Er sei froh über den Namenswechsel, sagte Kevin Sinnot, ein Besucher aus Australien, der Daily News. "Wer will den Kumpels daheim schon gestehen, dass man bei Trump übernachtet?"