Elf Uhr morgens im Dezember. Das schöne, merkwürdig melancholische Café am Engelbecken in Berlin-Kreuzberg (Enten auf Wasser vor Mietskasernen). Er ist, genau in den Grenzen, die eine Partei dafür vorsieht, ein Star: Robert Habeck, 48, der Schriftsteller, der in die Politik gewechselt ist, seit fünf Jahren Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, der Typ mit dem Jungs-Haarschnitt und den blauen Fischer-Pullovern. In Talkshows hat er die fast schon waghalsigen Versuche unternommen, gleichzeitig populär und in der Sache angemessen komplex zu argumentieren. Der grünen Depression nach den gescheiterten Jamaika-Sondierungen zum Trotz: In deutschen Großstädten, so hört man, gibt es kluge Menschen, die überlegen, allein wegen Robert Habeck den Grünen beizutreten. Vorausgesetzt, seine Partei kriegt die Sache mit der Trennung von Amt und Mandat neu geregelt, kann er Ende Januar zum neuen Parteichef der Grünen gewählt werden.

Müsli, weich gekochtes Ei. Ein bisschen Jahresrückblick ist schön, wir steigen also maximal breit und grundsätzlich in dieses Frühstück ein: Um welche große politische Frage geht es in diesen wirren und zerfledderten Wochen der nur geschäftsführenden Regierung? Er nickt, noch während die Frage gestellt wird, und signalisiert so schon mal, dass er fürs Grundsätzliche der richtige Mann ist. Das große Thema sei, dass Politik nicht aus Angst, genauer: aus Angst vor dem Scheitern gemacht werden dürfe. Die Kleingeistigkeit sei das alles lähmende Gespenst unserer Zeit.

Hat er schon eine Punchline für seine Rede für den Parteitag? Auf dem Weg zu diesem Frühstück habe er über seine Rede nachgedacht. Sinngemäß sei er bei dem altmodischen Wort "Gemeinwohl" hängen geblieben. Okay, vielleicht muss er da noch ein bisschen nachdenken. In seiner Partei, so erklärt er jetzt, schlummerten so viele Ideen, die müsse man gemeinsam zum Leben erwecken – mehr Experimentierfreude und Lockerheit: nicht den Menschen besser machen wollen, sondern bessere Politik machen. Schon interessant, bei diesem Frühstück kommt auch ein so enorm talentierter Redner wie Robert Habeck – immerhin arbeitet er, als Schriftsteller und als Politiker, am großen Projekt des Nicht-Bullshits in der deutschen Sprache – nicht ganz ohne Formeln und Fertigsätze aus. Was wird eigentlich aus dem anderen grünen Star Cem Özdemir, der ja nun doch nicht Bundesminister werden konnte? Hier ist es für den wahrscheinlich zukünftigen Parteichef ratsam, sich nicht öffentlich zu äußern.

In Anspielung an Joschka Fischer, den "letzten Live-Rock ’n’ Roller der deutschen Politik", hat er sich selber auch schon als Rock ’n’ Roller bezeichnet. Was genau ist Habecks Rock ’n’ Roll, ist das mehr U2, Oasis und Nirvana, die Musik, die er beim Abspülen hört, oder mit dem Fischkutter durch die Flensburger Förde zu pflügen?

Habeck erzählt von den Fischern, jenen rauen Gesellen, mit denen er aufgewachsen ist und in seiner Kindheit Eishockey gespielt hat. Das Tier, das immer wieder in den Stellnetzen der Fischer hängen bleibt und um das er sich heute als Kieler Umweltminister zu kümmern hat, ist der Schweinswal, der kleine, nordeuropäische Delfin. Gut, ein emotionalerer Konflikt ist in der deutschen Politik kaum vorstellbar.

Und noch etwas Komisches fragen: Ist er jetzt gerade, bei diesem Frühstück – keine Ahnung, warum, vielleicht weil alles so mühsam ist und sich so langsam ändert –, unglücklich? "Nicht unglücklich. Ich bin glücklich. Aber politisch genervt." Das klingt doch vielversprechend. Mit klapperndem Rucksack läuft er zum Aldi-Supermarkt. Leergut wegbringen.