Ich habe mein Geld mit Geschichten von Mördern verdient, von Taschendieben und Einbrechern. Als ich anfing als Journalist, war das Verbrechen sogar mein Hauptbetätigungsfeld. Im Studium habe ich Polizeimeldungen geschrieben für die Deutsche Presse-Agentur. Keiner der Redakteure wollte das machen, schon gar nicht am Wochenende. Es gilt unter Journalisten auch nicht gerade als Kunst. Insoweit waren die Kollegen froh, dass es mich gab, einen, der auch mal am Sonntag aus der Mitteilung des Polizeipräsidiums Recklinghausen einen journalistischen Text formte, der nachfragte: Wie alt ist das Opfer? Gibt es schon einen Tatverdächtigen? Und wenn ja, was wissen die Ermittler über ihn?

Eines jedoch habe ich damals nie gefragt: Welchen Pass hat der mutmaßliche Täter? "Das berichten wir nicht", brachte einer meiner Chefs mir in einer meiner ersten Nachrichtenschichten bei. Fürs Phantombild mochte es ja von Bedeutung sein, ob ein Verdächtiger ein "südländisches Aussehen" habe, erklärte mir mein Chef, aber in einer Agenturmeldung sei ein Hinweis auf die ethnische Herkunft des Verdächtigen nicht nur unnötig, sondern gefährlich. Leicht schüre man so Ressentiments gegenüber Minderheiten. Das sage schon der Pressekodex des Deutschen Presserates – und was dort stehe, sei der Goldstandard in Sachen Medienethik.

Das sah ich genauso. Das Gefühl, einen Teil der Wahrheit zu verschweigen, wäre mir damals nie gekommen. Schließlich sind Journalisten keine Protokollanten. Wir bilden die Wirklichkeit nicht einfach eins zu eins ab, wir gewichten, wählen aus, fragen: Welche Relevanz hat eine Information? Erfuhr ich von der Polizei etwa von einem Raubüberfall, erkundigte ich mich danach, was geraubt wurde, welche Spuren der Täter hinterlassen hatte und ob Menschen zu Schaden kamen. Ob der Täter Franzose, Peruaner oder Marokkaner war, schien mir unwichtig. So dachte ich damals. So denke ich heute nicht mehr.

Eine Nacht hat ausgereicht, mein Selbstbewusstsein als Journalist zu erschüttern. Es war die Kölner Silvesternacht 2015. Seit dieser Nacht ist vieles anders in Deutschland. Seit dieser Nacht schauen die Deutschen anders auf Flüchtlinge, muslimische Männer, den Islam an sich, ja sogar auf Angela Merkel. Hunderte Frauen wurden damals vorm Kölner Dom von überwiegend nordafrikanischen Männern sexuell belästigt. Das ganze Ausmaß der Belästigungen wurde erst nach Tagen bekannt. Weil die Medien zu lange schwiegen, aber auch, weil die Polizei per Pressemitteilung verbreitet hatte: "Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich".

Ein Jahr lang haben die Ereignisse dieser Nacht mich beschäftigt. Als Reporter für den Kölner Stadt-Anzeiger habe ich damals Tausende Akten, Einsatzprotokolle und Erfahrungsberichte von Opfern gelesen. Ich habe im Düsseldorfer Landtag Dutzenden Zeugen zugehört, wie sie vorm NRW-Untersuchungsausschuss über ihre Erfahrungen in jener Nacht berichteten. Ich habe Minister, Polizisten und Kriminologen interviewt und so mit der Zeit verstanden, was das Erschreckende dieser Nacht für mich war: das Schweigen derer, die früher hätten reden und berichten müssen. Denn es war ja auch mein Schweigen.

Oft habe ich in diesem Jahr daran gedacht, was mein ehemaliger Chef mir über die Wahrheit und die Herkunft von Tätern beigebracht hat. Ob es richtig ist, die Wahrheit zwar nicht zu verfälschen, aber sie doch aus guten Gründen zu dosieren, damit andere nicht Schindluder mit ihr treiben können. Und gut waren die Gründe für unser Schweigen schon. Rechte Populisten suchen bekanntlich nur nach dem politisch Verwertbaren im Nachrichtenstrom. So sehr waren wir damit beschäftigt, diese Aasgeier der Informationsgesellschaft zu ignorieren und ihnen keine neue Nahrung zu liefern, dass wir übersahen, wie schwer es für uns war, manche Probleme zu benennen.

Sich das einzugestehen ist nicht angenehm. Dafür reicht es nicht, allgemein über die Branche, die Kollegen oder die Medien im Allgemeinen zu reden. Man muss wohl bei sich und dem eigenen Unbehagen anfangen. Ich weiß gar nicht, wann es mir zum ersten Mal auffiel, aber ich erinnere mich zum Beispiel an Diskussionen im NRW-Landtag über das auffällige Verhalten von einigen nordafrikanischen Flüchtlingen. Am Ende war ich froh, wenn ich darüber nicht schreiben musste. Ich hatte Angst, nicht den richtigen Ton zu treffen.

Denke ich heute an jene Nacht zurück, fällt mir als Erstes eine Kollegin in der Online-Redaktion ein. Print-Redakteure schauen auf Online-Journalismus gerne herab. Das ist doch kein Journalismus, heißt es dann, das ist nur Unterhaltung. Online-Journalisten müssen schnell Geschichten raushauen. Darauf, die Wahrheit nach allen Seiten abzuklopfen, haben sie angeblich oft weder Zeit noch Lust.

Bereits kurz nach der Silvesternacht fielen meiner Kollegin die vielen Augenzeugenberichte auf Facebook auf, die der Pressemitteilung der Polizei ganz klar widersprachen. Schon damals sprachen viele der Augenzeugen von nordafrikanischen Männern als Tätern. Als erste Journalistin in Deutschland hat meine Kollegin damals über die Übergriffe geschrieben. Noch heute bewundere ich sie dafür, obwohl ich mich lange gefragt habe: Was hat sie richtig gemacht, das wir anderen nicht verstanden, vergessen oder nie gelernt haben?