Niemand schluckt gerne täglich eine Tablette – zumal wenn sie lebensbedrohliche Nebenwirkungen haben kann. Ich durfte immerhin wählen, wie gefährlich ich in Zukunft leben wollte. Nach einem Urlaub spürte ich Schmerzen in der rechten Wade. Es fühlte sich an wie ein Muskelkater, eigentlich nichts Besorgniserregendes. Doch es hätte mir wegen einer besonderen Vorgeschichte ein Alarmsignal sein sollen. Zwölf Jahre zuvor hatte sich ein Gerinnsel in meinem linken Unterschenkel gebildet, eine sogenannte tiefe Beinvenen-Thrombose. Mein Risiko für solch einen Zwischenfall, erfuhr ich, ist durch eine angeborene Gerinnungsstörung, eine sogenannte Faktor-V-Leiden-Mutation, deutlich erhöht – plötzlich war auch klar, warum mein Vater wiederholt Thrombosen gehabt hatte.

Es besteht dabei die Gefahr, dass Gerinnselteile aus dem Bein bis in die Lunge rasen und dort Blutgefäße verstopfen. Die Folge: Brustschmerz, Atemnot, schneller Puls, womöglich der Tod. In Deutschland sterben nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Angiologie jedes Jahr rund 100.000 Menschen durch einen Blutpfropf.

Damals hatte ich Glück, keine Embolie folgte. Damit dies nicht geschieht, bremsen die Ärzte die Blutgerinnung künstlich, das Gerinnsel wächst nicht weiter, und der Körper kann es auflösen. Der Klassiker unter den gerinnungshemmenden Medikamenten ist Phenprocoumon, besser bekannt unter dem Handelsnamen Marcumar. Der Stoff hemmt die Wirkung des Vitamins K, eines wichtigen Moleküls für die komplizierte Gerinnungsmaschinerie (siehe Kasten).

Nicht nur Patienten mit Beinvenen-Thrombosen benötigen gerinnungshemmende Medikamente, sondern auch Patienten mit Vorhofflimmern des Herzens. Durch diese Rhythmusstörung können ebenfalls Gerinnsel entstehen, die vom Herzen in das Gehirn gelangen und dort einen Schlaganfall auslösen. Schätzungsweise 500.000 Bundesbürger schlucken gerinnungshemmende Tabletten. Die eine Hälfte von ihnen Marcumar, die andere Hälfte eine ganz neue Substanzklasse namens Nicht-Vitamin-K-antagonisierende, orale Antikoagulantien oder kurz Noaks. Doch die Noaks bringen ganz neue Herausforderungen für Arzt und Patient mit sich. In der September-Ausgabe des British Journal of Haematology bezeichneten die Autoren das Dilemma als "Tyrannei der Wahl, gepaart mit vielen unbeantworteten Fragen".

Damals durfte ich noch nicht entscheiden.

Weil nach einer Thrombose oft weitere folgen, verschrieben mir die Ärzte gleichsam als Schutzschirm für ein halbes Jahr Marcumar. Wie viele Patienten schluckte ich die winzige Tablette jeden Morgen mit gemischten Gefühlen. Ist die Dosis zu hoch, kann es zu Darm- oder Gehirnblutungen kommen, ist sie zu niedrig, können weiterhin Gerinnsel entstehen. Kompliziert wird die Sache durch den Umstand, dass der Spiegel des Wirkstoffs im Blut heftig schwanken kann. Zum Beispiel durch die Ernährung. So heben Lebensmittel mit hohem Vitamin-K-Gehalt wie etwa Grünkohl die Wirkung teilweise auf. Zudem wird der Wirkstoff individuell unterschiedlich abgebaut. Deshalb muss der Arzt mindestens einmal im Monat den Gerinnungsstatus prüfen. Aber selbst wer alles genau beachtet, kann spontan innere Blutungen erleiden. Der schlimmste Fall: eine Hirnblutung samt Schlaganfall. Fünf von hundert Patienten erleiden unter Marcumar jährlich eine Blutung, ein Prozent davon in das Gehirn. Oft kommt es zu schweren Behinderungen oder sogar zum Tod.

Immerhin, ich vertrug Marcumar gut, und weil ich mit einem Gerät die Gerinnungswerte selbst bestimmen konnte, blieb mir der regelmäßige Arztbesuch erspart. Durch Selbstmessung ist der Marcumarspiegel oft auch besser eingestellt, und neue Thrombosen werden noch besser vermieden. Nach ein paar Monaten durfte ich das Medikament wieder absetzen. Doch eines war klar: Sollte noch einmal eine Beinvenen-Thrombose oder gar eine Lungenembolie auftreten, würde ich ein Leben lang ein gerinnungshemmendes Arzneimittel schlucken müssen.

Dieser Fall war nun möglicherweise eingetreten: Ein paar Tage nach dem ersten Wadenschmerz fiel mir das gewohnte Joggen immer schwerer. Jetzt war eine schnelle Reaktion zwingend – schnell zum Hausarzt. Dort verriet ein einfacher Bluttest, dass mein Körper mit einem großen Gerinnsel rang. Dabei ging es mir nicht einmal richtig schlecht. Ich suchte Ausflüchte, doch der Ton meines Hausarztes wurde streng. Im Krankenhaus enthüllte eine Computertomografie eine beidseitige Lungenembolie. Ein dramatischer Befund, der unbehandelt hätte tödlich enden können. Die Therapie: gerinnungshemmende Medikamente – für immer. Doch anders als mein Vater, der ein Leben lang Marcumar schluckte, hatte ich diesmal die Wahl.