Im Mittelalter wurden Hofberichterstatter gehalten, um die politischen Ereignisse im Leben des Königs zu schönen. Wer beispielsweise die Memoiren von Philippe de Commynes liest, wird kaum auf die Idee kommen, dass die Truppendezimierung im Jahr 1494, am Ende der Italienfeldzüge des französischen Königs Charles VIII, auf die unter den Truppen grassierende Syphilis zurückzuführen war. Der Bericht von Yanis Varoufakis, dem ehemaligen griechischen Finanzminister, aus der europäischen Trutzburg hingegen beschönigt nichts. Im Gegenteil. Eher schonungslos wird offengelegt, was sich hinter Brüssels Türen während der sogenannten Euro-Krise abspielte, die eigentlich eine Bankenkrise war. Und mit welcher Rücksichtslosigkeit die EU unter der Ägide ihrer Troika ganze Gesellschaften – vor allem in Südeuropa, vor allem in Griechenland – für die formale Einhaltung ihrer sozial verwerflichen und ökonomisch zum Teil äußerst fraglichen Prinzipien in Geiselhaft nahm.

Man mag darüber streiten, ob es fair oder gar inakzeptabel war, mit iPhone-Mitschnitten aus Ecofin-Meetings oder EU-Ratstreffen zu arbeiten, die normalerweise geheim bleiben. Von dieser Frage abgesehen, hat Varoufakis ein atemberaubendes, dokumentarisch minutiös gearbeitetes Dokument der Zeitgeschichte vorgelegt, über das sich zukünftige Generationen von Historikern freuen dürften.

Übergehen wir auch die unverhohlene Eitelkeit des Verfassers. Übergehen wir zudem für eine Sekunde, dass, hätte Varoufakis früher nachgegeben, den Griechen das dritte Rettungspaket vielleicht erspart geblieben wäre. "Varoufakis is worth 84 bio. for his country", sagte einmal, etwas zynisch, ein EZB-Mitarbeiter. Sondern konzentrieren wir uns auf das Wichtigste: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die derzeitigen Strukturen der Euro-Governance zutiefst problematisch, ja undemokratisch und illegitim sind – hier ist er.

Das Memorandum der Troika ließ Griechenland keine Luft zum Atmen. Nicht nur Transferzahlungen wie Renten wurden immer weiter gekürzt. Die Troika verlangte Budgetkürzungen an allen Ecken und Enden, auch Privatisierungen (die griechischen Flughäfen gehören jetzt FraPort, der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens!). Eines ihrer Mitglieder, Thomas Wieser, Stellvertreter des Eurogruppen-Präsidenten Dijsselbloem, schlug sogar vor, die griechische Regierung solle doch die Pensionskassen, die Universitäten, die Versorgungsunternehmen und die öffentlichen Betriebe plündern, um die Schulden an den IWF zahlen zu können. Dabei waren weder die Rentner noch die Arbeitnehmer oder die Universitätsangestellten in irgendeiner Weise beteiligt am Zustandekommen der Staatsschulden, deren Auflaufen über lange Jahre hinweg von der EU-Kommission unbeanstandet durchgewunken worden war.

Die Troika griff sogar in Grundrechte ein, indem sie das Recht auf gewerkschaftliche Vertretung verletzte, Tarifvereinbarungen ebenso wie Arbeitnehmerrechte und Kommunalrechte aufhob. Das Memorandum ließ den Regierungen keinerlei eigene Planungsmöglichkeiten, entzog den Ministerien wichtige Abteilungen und behielt die permanente Kontrolle über das Budget, die in Demokratien eigentlich dem Parlament zusteht. Willkommen in der europäischen Postdemokratie!

In den USA gab man die Schuld an der Hypothekenkrise klar den Bankern – niemand zweifelte daran, dass sie windige Geschäfte getätigt hatten und (nicht nur) arme Leute zu waghalsigen Verträgen gedrängt hatten, an denen sie verdienten, solange die Hauspreise stiegen. In Europa aber wurde die Schuldfrage umgekehrt: Solange die Konjunktur frisches Kapital in die Peripherie pumpte, warnte niemand vor einer damit zugleich wachsenden Verschuldung – weder die EU, der seit Jahren die Haushalte der Mitgliedsländer vorgelegt werden müssen, noch die Europäische Notenbank, die die Gefahren dieser Kapitalbewegungen hätte ahnen können. Nach dem Einbruch aber wurde die ganze Schuld den einzelnen Staaten zugesprochen, sie mussten ihre nationalen Banken retten mit der Folge der Überschuldung ihrer Haushalte. Eine gesamteuropäische Krise wurde zu einer Nationalitätenfrage. Staaten, nicht die Banken wurden wegen Verschuldung an den Pranger gestellt und gezwungen, nicht etwa den Militäretat, sondern den Sozialstaat abzubauen.

Ausgehend von der Annahme, dass gute Ideen einen produktiven Dialog begünstigen und Bewegung in eine festgefahrene Situation bringen können, entwickelte das Team von Varoufakis mit großem Einsatz Gegenvorschläge, die auf solider ökonometrischer Basis und seriösen wirtschaftswissenschaftlichen Analysen fußten. Varoufakis hatte seine eigenen Vorschläge für die griechische Regierung einer Reihe von Finanzexperten von der Wall Street und aus der Londoner City sowie renommierten Universitätsprofessoren unterbreitet, die ihm lauter Zustimmung signalisierten.

Eine Mitverantwortung Deutschlands

Als er sie jedoch Griechenlands Gläubigern vortrug, stieß er auf eine merkwürdige Reaktion. Er blickte, wie er schreibt, "auf eine Kulisse aus regungslosen Gesichtern. Es war, als hätte ich nichts gesagt, als läge nichts Schriftliches vor ihnen". Und er fügt an: "Im akademischen Betrieb gewöhnt man sich daran, dass die eigenen Arbeiten kritisiert und auseinandergenommen werden, bisweilen ohne Wahrung von Anstandsregeln. Nie begegnet man jedoch einer Totenstille, einer Weigerung, Feedback zu geben, einem absichtlichen Ignorieren." Es war eine Demonstration der Missachtung, eine Taktik der Demütigung durch Funktionäre der Macht, die er mehrfach erlebte.

Warum wollte niemand Varoufakis eine Chance geben? Zum einen natürlich, weil er von der Linken kam, die der Troika von vornherein nicht passte. Kanzlerin Merkel hatte vor der Wahl unverhohlene Drohungen gegen eine Regierung Syriza ausgesprochen. Zum andern aber, weil das Programm, das er vorschlug, um Griechenland aus dem Würgegriff des Spardiktats zu befreien, eine Umschuldung voraussetzte, welche die deutsche Regierung aus wahltaktischen Überlegungen strikt ablehnte. Denn die CDU fürchtete schwere Wahleinbußen. Die AfD stand sozusagen in Brüssel vor der Tür, wo schon die FDP im Zuge ihrer Urabstimmung im Winter 2011/12 gegen die griechischen Rettungspakete und die eigene Regierung geklagt hatte.

Im privaten Gespräch konnte Varoufakis Lagarde, Moscovici und viele andere überzeugen. Sie stimmten ihm zu, dass sein Programm für Griechenland vernünftig, machbar und sinnvoll sei. Aber wenn es zum Schwur kam, fielen sie alle um. Denn im Hintergrund stand Wolfgang Schäuble, der mächtige deutsche Finanzminister, der an Griechenland ein Exempel statuierte, um – so deutet es Varoufakis an einigen Stellen an – Frankreich zu mahnen. Schäuble hatte die europäischen Finanzminister im Griff. Keiner wollte sich mit ihm anlegen. Europa aber funktioniert so nicht.

Möge dies vor allem den deutschen Leser anspornen, das Buch zu lesen, um eine gewisse Mitverantwortung Deutschlands am Leidensweg des europäischen Südens in der letzten Dekade anzuerkennen – und dann bei den aktuellen Vorschlägen von Emmanuel Macron, die Euro-Governance-Strukturen zu ändern, genauer hinzuhorchen. Und um nach Lektüre von Varoufakis’ Buch auf eine deutsche Antwort zu den Macron-Vorschlägen zu drängen.

Anders formuliert: Eigentlich ist der Varoufakis-Reader Pflichtlektüre für alle Koalitionäre, die es mit Europa ernst meinen. Damit diese Angriffe auf die humanistischen Werte Europas und den auch grundgesetzlich geschützten Sozialstaat endlich aufhören.

Ulrike Guérot ist Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems; Reinhard Blomert, Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, ist Redakteur der Fachzeitschrift "Leviathan"

Yanis Varoufakis: Die ganze Geschichte. Meine Auseinandersetzung mit Europas Establishment; Kunstmann Verlag, München 2017; 650 S., 30,– €, als E-Book 19,99 €