DIE ZEIT: Herr Professor Püschel, wie alt sind Sie?

Klaus Püschel: Ich bin jetzt 65 Jahre alt.

ZEIT: Würde ich Ihnen nicht glauben, wie könnte ich Ihr Alter überprüfen?

Püschel: Bei mir mit 65 Jahren ist das deutlich schwieriger als bei jungen Menschen, da das Knochenwachstum bei mir schon seit Jahrzehnten abgeschlossen ist. Normalerweise macht man das Lebensalter an der Knochenentwicklung fest. Bei mir würde man einen extrahierten Zahn mikroskopisch und biochemisch untersuchen und könnte das Alter bis auf fünf Jahre genau bestimmen.

ZEIT: Derzeit spielt die Altersbestimmung bei jungen Flüchtlingen eine große Rolle, die angeben, noch minderjährig zu sein. Werden deren Zähne auch untersucht?

Püschel: Üblicherweise beurteilt man die Wachstumszonen an den Knochen und schätzt das Alter darüber ein. Denn die Knochen werden bis ins Erwachsenenalter länger. Deswegen gibt es Wachstumszonen, die man beim Röntgen darstellen kann. Durch Vergleiche mit vielen Personen, deren Alter man sicher kennt, kann man dann eine Alterseinschätzung machen.

ZEIT: Welche Körperteile röntgen Sie?

Püschel: Man untersucht zunächst die Hände und die Wachstumszone am Unterarm, im Bereich der Speiche. Bei Älteren beurteilt man die Gebissentwicklung oder das Gelenk zwischen Schlüssel- und Brustbein.

ZEIT: Welche Methode ist die zuverlässigste?

Püschel: Das hängt vom Alter der Person ab. Die Hände nimmt man im Alter zwischen 13 und 19 Jahren, die Zähne zwischen 15 und 22 Jahren. Und das Gelenk zwischen Schlüssel- und Brustbein untersucht man insbesondere zur Festlegung der Altersgrenze von 21 Jahren.

ZEIT: Und was erkennt man auf Röntgenbildern?

Püschel: Bei Aufnahmen der Hand oder des Gelenks zwischen Schlüssel- und Brustbein beurteilt man den Verschlussgrad der Wachstumszonen. Bei Zähnen ist die Wurzelbildung der Weisheitszähne relevant und der Grad der Abkauung.

ZEIT: Aktuell gibt es Diskussionen um die Altersangaben junger Flüchtlinge, nachdem vergangene Woche ein angeblich 15-jähriger Afghane seine gleichaltrige Ex-Freundin erstochen haben soll. Glauben Sie dem Mann seine Minderjährigkeit?

Püschel: Ich bin nicht zum Glauben da, sondern um objektive Untersuchungsbefunde zu erheben. Und die schlechteste Methode ist, dass man das Alter nur über das Äußere einschätzt.

ZEIT: Schauen Sie sich das Bild des mutmaßlichen Täters bitte dennoch an.

Püschel: Anhand des Fotos ist diese Person für mich deutlich älter als 15 Jahre. Ich schätze den jungen Mann sogar auf deutlich über 20 Jahre.

ZEIT: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Püschel: Die Gesichtszüge, die Falten im Gesicht dieses Mannes und der starke Bartwuchs passen nicht zu einem 15-Jährigen.

ZEIT: War man zu naiv, ihm sein Alter zu glauben?

Püschel: Es kommt darauf an, wie sicher die Behörden beim Alter sein wollen und welche Konsequenzen sie ziehen. Wenn ich sehe, wie klar unser System auf Altersgruppen aufgebaut ist – bei Strafmündigkeit, beim Wahlrecht oder in der Schule –, dann ist es falsch, dass man bei Flüchtlingen nicht dieselben Maßstäbe anlegt, die bei uns dadurch gegeben sind, dass wir eindeutige Papiere haben.

ZEIT: Für Juristen ist es wichtig, ob jemand ein Kind ist oder bereits volljährig. Aber wenn ich Sie richtig verstanden habe, liefern alle Verfahren Altersspannen mit einer Schwankung von plus/minus zwei Jahren.

Püschel: Man versucht immer ein Höchstmaß an Sicherheit zu erreichen, und wir verfahren nach dem Mindestalterprinzip. Da wir objektiv das Alter nicht auf ein oder zwei Jahre genau bestimmen können, fragen wir uns, wie alt eine Person mindestens ist. Vereinfacht gesagt: Wir nehmen das Durchschnittsalter gemäß Skelettentwicklung und ziehen zwei Jahre ab. Im Zweifel machen wir sie also jünger – niemals älter.

ZEIT: Ist das wissenschaftlich noch sauber?

Püschel: Dass die Methode nicht exakt ist, ist ein Fakt. Aber wenn wir beim Beispiel des Verdächtigen aus Rheinland-Pfalz bleiben, dann geht es nicht um die Frage, ob er 15 oder 16 Jahre alt ist. Es geht darum, herauszufinden: Ist das ein Jugendlicher oder ein Erwachsener? Und das können wir mit unseren Methoden bestimmen.