Ab Sommer könnten einige Bundesländer die Anwesenheitspflicht wieder einführen.

Ja!

Die Anwesenheitspflicht ist nötiger denn je. Echte Bildung ist ohne Begegnung nicht zu haben

Von Manuel Hartung

Der Sommer könnte wild werden: Wenn einige Bundesländer die Anwesenheitspflicht wieder zulassen und Hochschulen ihren Studenten vorschreiben, im Hörsaal zu sitzen, wird es Protest geben. Die Demonstranten: vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler. Das Geschrei: laut. Die Argumente: vorhersehbar. Freiheitsberaubung! Fremdbestimmung! Wir haben doch alle die Hochschulreife!

Schon wer dreimal fehlt, hat einen geringeren Lernerfolg.

Man muss hoffen, dass die Wissenschaftspolitiker der Länder standhaft bleiben. Die Anwesenheitspflicht ist nicht nur für den Lernerfolg der Studenten sinnvoll. Sie ermöglicht auch den Zugang zu echter Bildung, die ohne Begegnung nicht zu haben ist.

Die Empirie ist eindeutig: Anwesenheit in Lehrveranstaltungen bringt etwas. Der Bildungsforscher Rolf Schulmeister verdichtete vor zwei Jahren 298 Untersuchungen aus 25 Ländern zu einer Metastudie (ZEIT Nr. 48/2015). Sein Schluss: Schon wer dreimal fehlt, hat einen geringeren Lernerfolg. Besonders schade es leistungsschwächeren Studenten, wenn sie nicht kämen; sie fielen noch weiter zurück.

Doch nicht nur aus Sorge um die Leistungsstarken und Fürsorge für die Schwächeren sollte man darauf bestehen, dass Studenten im Seminarraum sitzen. Anwesenheit rührt an den Kern universitärer Selbstkonzeption: Verstehen sich Hochschulen als Parzellen einsamer Autodidakten oder als Begegnungsstätten diskursiv Lernender? Wollen sie Instanzen der Lehrbuchleistungsabprüfungszertifizierung sein oder Orte, an denen man das Glück der Bildung erfährt? Dieses Glück entsteht auch durch andere; durch Diskurs, Streit, Austausch lernt man verstehen, sieht man Zusammenhänge, schärft Argumente. Die Welt bekommt neue Bedeutung.

Niemand würde bestreiten, dass Chemiker oder Physiker ins Labor gehen müssen, um Durchbrüche zu erzielen. Dass ausgerechnet Studenten der Germanistik oder Politik den genuinen Ort ihres Durchbruches, das Seminar, so vernachlässigen, entspringt einem Missverständnis: dass es ein Auswuchs autoritären Erbes sei, in eine Veranstaltung gehen zu müssen. Es ist aber ein Privileg in einer freien Gesellschaft, in der der Staat den Studenten die Ausbildung bezahlt.

Es ist bedauerlich, dass viele Befürworter einer Anwesenheitspflicht ihrem Anliegen selbst schaden, weil sie kleinlich nörgeln, statt sich großes Pathos zuzutrauen. Während die Gegner der Präsenz von Studierfreiheit schwärmen und die Eigenverantwortung preisen, ergehen sich einige Befürworter in Gegreine: Die Studenten seien heute viel schlechter als früher, kaum jemand sei intrinsisch motiviert, und Bologna und die Ökonomisierung, ja, die seien ohnehin an allem schuld. Statt nur zu kritisieren, sollten die Präsenz-Fans die Chance der Neugestaltung beherzt ergreifen.

Die Gegner der Anwesenheitspflicht führen oft zwei Argumente ins Feld. Erstens, es bringe doch nichts, wenn Studenten einfach nur körperlich anwesend seien und ein Professor dann in dreißig demotivierte Augenpaare blicke. Es gehe schließlich nicht ums Absitzen, sondern ums Mitmachen. Zweitens, da es so viele Studenten gebe wie noch nie, 2,8 Millionen, fehle es doch an allem, Geld, Räumen, Personal. Da könne man froh sein über jeden, der nicht erscheint.

Beides sind Schwierigkeiten, zweifelsohne. Doch in ihrer Überwindung liegt eine große Chance. Richtig orchestriert wird die Anwesenheitspflicht sehr positiv verändern, wie an den Hochschulen unterrichtet wird. Dann kann man den Teufelskreis der schlechten Lehre durchbrechen, den es überall gibt: Für die Karriere einer Wissenschaftlerin ist nur gute Forschung entscheidend; also vernachlässigt sie die Lehre; also sind ihre Veranstaltungen langweilig; also gehen zu wenige hin.

Der Schlüssel zur guten Lehre liegt in der Digitalisierung.

Die Anwesenheitspflicht brächte eine doppelte Verbindlichkeit zum Ausdruck: die der Studenten, die ihr vom Staat bezahltes Studium endlich ernst nehmen; die der Professoren, denen der Staat die Forschung finanziert und die nun gute Lehre anbieten müssen. Das eine wird ohne das andere nicht zu haben sein.

Der Schlüssel zur guten Lehre liegt in der Digitalisierung. Flipped classroom heißt das Konzept, umgedrehter Unterricht. Wissensvermittlung, die bislang oft in Vorlesungen stattfindet, geschieht dann im Wesentlichen online: in didaktisch ausgefeilten Videos, die jeder Student zu Hause sieht. Die Filme können die Professoren selber aufnehmen, sie können aber auch das Beste aus den Unis weltweit integrieren, die Reihe eines Harvard-Professors über Gerechtigkeit genauso wie die Einführung in die Philosophie des Maschinenlernens vom MIT. Stanford gibt’s plötzlich auch in Deggendorf. Im Seminarraum finden dann Diskurs und Dialog, Übung und Vertiefung statt. Das macht die Anwesenheit attraktiv, es verbessert die Lehre schlagartig und organisiert die Masse der Studenten besser. Hochschulen werden fortan nicht nur "Anwesenheitsinstitutionen" sein, wie der Soziologe Rudolf Stichweh einmal forderte. Sie werden Interaktionsinstitutionen. Orte, an denen Studenten und Lehrende jeden Tag erfahren, dass sie einander brauchen, um miteinander zu wachsen und das Glück echter Bildung zu erfahren.