Auf der Liste der Streitpunkte, an denen die Neuauflage der großen Koalition scheitern könnte, steht er weit vorn: der Familiennachzug. Die Frage also, ob Flüchtlinge ihre Kernfamilie, das heißt: die engsten Verwandten, nachholen dürfen. 2016 hatte die Regierung diese Möglichkeit für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus ausgesetzt. Die Union will dieses Moratorium beibehalten, die SPD-Führung will es kippen, das hat sie ihrer Basis versprochen.

Dafür, dass der Streit so groß ist, ist die Zahl potenzieller Nachzügler überschaubar: Experten schätzen, dass rund 60 000 Menschen nachzugsberechtigt wären, würde das Moratorium aufgehoben – und dass längst nicht alle, die kommen dürften, sich auf den Weg machen würden. Der Streit dreht sich allerdings weniger um Zahlen als um eine grundsätzliche Frage: Zeigt sich die künftige Regierung Flüchtlingen gegenüber aufnahmebereit? Oder setzt sie, wie die Union es fordert, auf Abschreckung?

Die in der Flüchtlingspolitik einst heftig zerstrittenen Schwesterparteien CDU und CSU haben sich auf ein "Regelwerk zur Migration" geeinigt. Sie wollen, dass im Jahr höchstens 200 000 neue Asylbewerber kommen. Und dass mehr Staaten zu sogenannten sicheren Herkunftsländern erklärt werden, etwa Marokko und Tunesien. Asylbewerber von dort ließen sich dann leichter ablehnen.

Die Union, die nicht noch mehr Stammwähler an die AfD verlieren will, dürfte davon kaum abrücken und den Familiennachzug höchstens in Härtefällen erlauben. Die Sozialdemokraten bestehen darauf, das Moratorium ganz aufzuheben. Sie müssen allerdings gut erklären, warum: Als der Nachzug 2016 ausgesetzt wurde, saßen sie als Regierungspartei mit am Tisch. Jetzt aber haben sie die Zeit auf ihrer Seite: Sie können das Thema aussitzen. Wenn das Moratorium nicht verlängert wird, läuft es im März 2018 aus.

Einig sind sich SPD und Union beim Einwanderungsgesetz: Beide wollen Ausländern aus Nicht-EU-Staaten den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Die SPD hat dafür schon einen Gesetzentwurf in der Schublade. Und auch die Union zeigt sich neuerdings offen dafür.