Größer hätte das Versprechen nicht sein können. "Die weltbeste Bildung" wolle man in Nordrhein-Westfalen schaffen, so tönte die FDP im Landtagswahlkampf des vergangenen Frühjahrs. Mehr Digitalisierung, eine dickere Personaldecke, weniger Stundenausfall, zurück zu G9 und zu Förderschulen – alles sollte anders, alles sollte besser werden. Die Wahl in NRW wurde über Bildungsthemen entschieden. Rot-Grün wurde abgewählt, Schwarz-Gelb kam an die Macht.

Seit einem halben Jahr ist nun eine FDP-Frau Schulministerin: Yvonne Gebauer. 51 Jahre alt, gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte, vor der Wahl bildungspolitische Sprecherin der FDP.

Schulministerin war wohl der schwerste Job, den die neue NRW-Landesregierung zu vergeben hatte. Gebauer muss sich daran messen lassen, ob sie die vollmundigen Versprechen einlösen kann. Dass Bildung der neue Markenkern der FDP unter Christian Lindner ist, macht es nicht leichter. Auch bei der Bundestagswahl konzentrierte sich die Partei auf Themen wie Schule und Digitalisierung. Doch in die Bundesregierung wollten die Liberalen nicht. Bleibt NRW. Das bevölkerungsreichste Land der Republik, die Heimat des Parteichefs Lindner. Wer wissen will, was liberale Versprechen taugen, der blickt derzeit nach Düsseldorf. Damit ist klar: Fällt Yvonne Gebauer, fällt die FDP.

Was also hat sie sich für die 2,5 Millionen Schüler, 196.000 Lehrer und 6.000 Schulen im Land vorgenommen?

Yvonne Gebauer könnte gute Presse gebrauchen. Ihr Kurs weckt Zweifel

Ein Herbstmorgen in Dortmund. Im Lehrerzimmer der Paul-Dohrmann-Schule im Nordosten der Stadt haben sich nicht nur Lehrer versammelt, sondern auch Vertreter von Stadt und Bezirksregierung – und Yvonne Gebauer. Auf dem Tisch stehen Kaffee und belegte Brötchen. Die Schulministerin hat zuvor einen Rundgang durch die Schule absolviert, mit Schülern und Lehrern über deren Probleme und Herausforderungen gesprochen. Schulleiter Michael Keßebohm zupft sein Jackett zurecht und sagt: "Jetzt merken wir, dass es vorangeht." Dann bedankt er sich für die Wertschätzung.

Es ist ein Wohlfühl-Termin für die Schulministerin. Die Paul-Dohrmann-Schule ist eine Förderschule. Im Sommer hatte Gebauer als eine ihrer ersten Amtshandlungen angekündigt, dass auch solche kleinen Förder-Einrichtungen erhalten werden sollen. Eine Kehrtwende zur Politik ihrer Vorgängerin Sylvia Löhrmann.

Unter der Grünen-Politikerin mussten Förderschulen mit weniger als 144 Schülern dichtmachen oder sich mit anderen Standorten zusammenschließen. Gemeinsames Lernen stand ganz oben auf der Agenda. Heute werden in NRW 43,2 Prozent der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen unterrichtet. Auf die Quote habe die Vorgängerregierung geschaut, nicht aber auf Qualität, sagen Kritiker. Es mangele an Fortbildungsangeboten, an kleineren Lerngruppen, Doppelbesetzung in Klassenräumen und an Teams, in denen Psychologen und Lehrer zusammenarbeiteten.

Ohne Yvonne Gebauer wären 41 Förderschulen geschlossen worden, bei denen jetzt geprüft wird, ob sie weitermachen können. Es sind Orte, an denen Gebauer nur Dankbarkeit erwartet und Fototermine, die später als schöne Bilder in den Lokalmedien auftauchen. Die Ministerin selbst führt andere, sachliche Gründe für ihre Entscheidung an. Sie habe die Regelschulen entlasten wollen, erzählt Gebauer auf der Rückbank ihres Audis, der sie nach ihrem Schulbesuch zurück nach Düsseldorf ins Ministerium bringt.

Doch die gute Presse kann Yvonne Gebauer durchaus gebrauchen. Denn außerhalb der Paul-Dohrmann-Schule sind längst nicht alle von ihren Plänen überzeugt. Zwar unterstützen Gewerkschaften, Lehrerverbände und Elternvertreter die neue Ministerin, wenn sie sagt, dass die Schulen bei der Inklusion nicht überfordert werden dürfen. Aber nicht mal eine Handvoll Förderschulen würden von Gebauers Entscheidungen profitieren, sagt etwa Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). "Dafür ist die Auflösung bei vielen Schulen schon viel zu weit fortgeschritten." Das Moratorium für die Förder-Einrichtungen reicht nicht, um die Missstände zu beheben. Wie also will Yvonne Gebauer die Inklusion zum Erfolg machen?

Fragt man sie nach ihren Plänen, sagt sie: Statt alle Schulen in NRW sollen sich Schwerpunktschulen um das inklusive Lernen kümmern. Doch wo sollen diese Schwerpunktschulen entstehen? Wie viele werden es sein? Wie viel Geld werden sie zur Verfügung haben? Konkrete Antworten gibt es von ihr dazu nicht. Nur so viel: Ihre Behörde erarbeite ein Maßnahmenpaket.