DIE ZEIT: Herr Kehlmann, in Ihrem neuen Roman Tyll haben Sie die Eulenspiegel-Figur in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs versetzt. Ihr Kollege Clemens Setz hat vor zwei Jahren ebenfalls ein Eulenspiegel-Buch vorgelegt. Hat Sie dessen Buch beeinflusst?

Daniel Kehlmann: Clemens und ich haben denselben Übersetzer ins Englische, Ross Benjamin. Im Sommer 2015 habe ich Ross besucht, viel erzählt, und irgendwann fragte ich ihn, was denn Clemens so mache. Dem gehe es gut, hieß es, der sei enorm produktiv und würde gerade "einen Eulenspiegel" schreiben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich seit drei Jahren an meinem Roman gearbeitet und es extrem geheim gehalten. Für mich war klar, einen Eulenspiegel-Roman zu schreiben ist eine Idee, die jedem offensteht, dem sie in den Kopf kommt, da sollte ich lieber nicht darüber reden. Ich hatte es auch praktisch niemandem erzählt. Auch jetzt bei Ross ließ ich mir nichts anmerken, aus Unsicherheit und Aberglauben. Aber ich dachte, mich trifft der Schlag. Natürlich wären Eulenspiegel-Romane von mir und Clemens völlig verschieden – aber ich wollte nicht, dass es so aussähe, als hätte ich seine Idee gestohlen. Ich war vollkommen niedergeschlagen. Kurz darauf habe ich dann sehr erleichtert in der Verlagsvorschau gesehen, dass Clemens keinen Roman, sondern eine Nacherzählung von Eulenspiegel-Geschichten aus dem alten Volksbuch verfasst hatte.

ZEIT: Ein Anruf bei Setz hätte geholfen ...

Kehlmann: Ebendas traut man sich ja aus Furcht nicht.

Setz: Mein Buch war eine Idee des Verlags. Bei Insel erscheinen öfter Neubearbeitungen von Klassikern, von Künstlern illustriert. Ich hatte durchaus die Vorstellung, aus dem Stoff etwas Neues zu machen, also vielleicht einen Roman. Aber ich bin bei der Vorgabe des Auftrags geblieben und habe Eulenspiegel nur neu nacherzählt, also mich für die bedingte, nicht die komplette Freiheit entschieden. Dein Buch hingegen ist ein Zeichen von Freiheit.

Kehlmann: Das sollte ein Roman generell sein.

Setz: Ist er aber nicht immer. Die Freiheit, die einem aus deinem Buch entgegenweht, ist selbst aus der Sicht des Schriftstellers imponierend.

ZEIT: Seit wann kennen Sie sich eigentlich?

Setz: Kennengelernt habe ich Daniel vor Jahren auf der Frankfurter Buchmesse, da habe ich ihn angesprochen: "Herr Kehlmann, ich bin so ein Fan!" Angesichts dieser erzählerischen Freiheit kann ich das jetzt nur wiederholen.

Kehlmann: Also, jetzt klingt es so, als hätte Clemens das brave und ich das wilde, freie Buch geschrieben – aber da muss ich sofort sagen, dass zum Beispiel Indigo einer der mutigsten, wildesten und freiesten Romane ist, die ich überhaupt kenne.

ZEIT: Der närrische Eulenspiegel ist ohnehin eine der freiesten Figuren der deutschen Literatur.

Setz: Ja, seine totale Freiheit ist eine, die mit Horror, Regellosigkeit daherkommt ...

Kehlmann: ... und Brutalität.

Setz: Im Originalvolksbuch weiß Till immer schon, wie schlecht die Dinge für ihn ausgehen werden – und er macht sie trotzdem, bis er stets aufs Neue ohne Essen und Herberge dasteht. Heute wäre das ein Abenteuer, über das man hinterher in einem sozialen Netzwerk schreiben kann – damals war das lebensbedrohlich. Ich habe Eulenspiegel in meiner Nacherzählung eine Kontinuität und etwas Psychologie untergeschoben, die es im Volksbuch nicht gibt – diese Folge von Schwänken, das funktioniert sonst wie bei den Simpsons, wo sich auch niemand sonderlich entwickelt.

Kehlmann: Oder wie bei South Park, wo Kenny in jeder Folge stirbt und dann in der nächsten doch wieder da ist. Eulenspiegel ist ja keine sympathische und nicht einmal eine besonders interessante Figur im Volksbuch. Die Schwänke sind auch gar nicht mehr lustig für uns. Wahrscheinlich hat er sich als Figur deshalb bis heute erhalten, weil er zwar ein Narr ist, aber die Leute nicht über ihn lachen, sondern immer er über die Leute. Diese Umdrehung der Narrenfigur hat auf rätselhafte Weise etwas sehr Anziehendes. Für mein Buch, das ich als Roman über den Dreißigjährigen Krieg geplant hatte, habe ich ihn in einen Entertainer und Komödianten verwandelt. Auch das ist er ja im Volksbuch nicht.

ZEIT: Und Sie haben aus einer mittelalterlichen Figur eine Gestalt des Barock gemacht, ein paar Jahrhunderte überspringend.

Kehlmann: Das wird in Rezensionen jetzt immer hervorgehoben – für mich war das komischerweise gar nichts Besonderes. Auch Shakespeare katapultiert seinen Narren ständig in neue Kontinente und Zeiten, und Charles De Coster hat im 19. Jahrhundert sogar Eulenspiegel in den Holländisch-Spanischen Krieg versetzt. Und letztlich ist Eulenspiegel ja nicht viel mehr als ein Name, der für wechselnde Anekdoten verwendet wird: Man sagte eben nicht, irgendein Mann tat Folgendes, sondern Till Eulenspiegel traf jemanden, und Folgendes geschah. Es ist also nicht so, als hätte ich Friedrich den Großen oder Voltaire oder eine andere geschichtliche Figur um zweihundert Jahre versetzt.