Wie ein Heiligtum wird in der Familie unserer Autorin Carolin Würfel das feministische DDR-Buch "Guten Morgen, du Schöne" weitergereicht – von Generation zu Generation. Was hat das zu bedeuten?

Es gibt da dieses Buch. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich es ihr zum 17. Geburtstag schenken. Genauso wie es meine Mutter damals, 2003, zu meinem Geburtstag getan hat. Und wie es ihre Mutter viele Jahre vorher getan hatte.

Dabei mag ich weder Traditionen noch Rituale. Ich bin in der DDR geboren und habe früh gelernt, dass nichts von Dauer ist. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass vermeintliche Sicherheiten (und nichts anderes sind Traditionen ja auch) über Nacht verschwinden können.

Aber diese eine Familientradition, dieses scheinbar nichtige Ritual, das noch vor meiner Geburt begann, will ich unbedingt aufrechterhalten. Denn dieses Buch verbindet die Frauen meiner Familie. Zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Leben, wird weitergegeben wie in anderen Familien ein Schmuckstück. Äußerlich ist es nicht mehr als ein gebrauchtes Taschenbuch. Es hat keinen materiellen Wert. Aber für uns, für meine Großmutter, meine Mutter und mich, war und ist es mehr als ein Buch. Es war, es ist eine Anleitung zu einem unabhängigen, emanzipierten Leben. Ein Weckruf.

Schon der Titel, Guten Morgen, du Schöne, war ein stehender Begriff in unserem Alltag zu Hause. Guten Morgen, du Schöne wurde auf kleine Notizzettel gekritzelt und neben den Kaffeebecher gelegt. Und später als Begrüßung in Kurznachrichten geschrieben. Es meinte immer zweierlei. Ein tatsächlich liebevolles "Guten Morgen, du Schöne". Gleichzeitig war es eine Erinnerung: "Liebste Tochter, liebste Enkelin, liebes Mädchen, vergiss nicht: Lebe frei und selbstbestimmt. Unternimm auch heute den Versuch."

Es gibt kein anderes Buch, das sich so in die eigene, in meine Identität eingeschrieben hat. Und das für mich und die Frauen meiner Familie zugleich über Jahrzehnte nichts von seiner Einmaligkeit und Kraft eingebüßt hat. Dabei passiert das ja eigentlich fast immer, wenn die Vergangenheit versucht, einen Platz in der Gegenwart – oder, noch schlimmer: in der Zukunft – zu finden. Irgendwann will diese Vergangenheit nicht mehr so recht passen. Man ist ihr entwachsen. Lächelt nur noch müde über sie. Aber Guten Morgen, du Schöne ist nicht alt geworden, nicht fad oder träge und hat, im Vergleich zu anderen historisch-feministischen Werken, die Geschlechterdiskurse, die wir seit den siebziger Jahren erbittert geführt haben, ohne Schrammen überstanden. Guten Morgen, du Schöne ist cool und progressiv und avantgardistisch geblieben, obwohl oder vielleicht gerade weil es sich jedem Trend verwehrt hat.

Als das Buch, von Maxie Wander geschrieben, 1977 im DDR-Verlag Der Morgen erschien (und ein paar Monate später bei Luchterhand in der Bundesrepublik), war meine Großmutter Anfang vierzig und lebte mit Ehemann und vier Kindern in Leipzig. Ihr jüngstes Kind, meine Mutter, war zwölf Jahre alt. Meine Großmutter hatte ihren Beruf als Bürokauffrau aufgegeben und kümmerte sich ausschließlich um die Familie. Ihr Ehemann, ein Professor, verdiente den Lebensunterhalt und war nur selten zu Hause.

Es war ein exemplarisches Leben in traditionellen Geschlechterrollen. Eigentlich ungewöhnlich für ein Frauenleben in der DDR. In Hochzeiten waren über 90 Prozent der Frauen berufstätig. Aber vier Kinder zu haben, das war nun mal ebenso ungewöhnlich – und kostete nicht nur viel Kraft, sondern vor allem viel Zeit. Meine Großmutter war darüber oft unglücklich. Später, im Alter, nach der Wende, sprach sie viel über den fehlenden Mut und die verpassten Chancen, all die Sehnsüchte, die nie erfüllt worden sind. Sie hatte es nicht geschafft auszubrechen. Hatte die Selbstbestimmung und Selbsterfüllung, von denen sie in den wenigen stillen Momenten in dem großen Haus am Rande der Stadt träumte, nie erreicht. Der Ausbruch blieb ein Versuch im Kopf, ohne echte Folgen. Zumindest für sie.

Nun war aber dieses gedankliche Spiel trotzdem ein Anfang, denn es trug dazu bei, dass sie ihre Töchter, meine Mutter und deren Schwestern, zu sehr unabhängigen, sehr emanzipierten Frauen erzog. Zu Frauen, die studierten und ihre Lebenswege frei wählten. Die Karriere machten und trotzdem Kinder großzogen. Die sich nicht in Abhängigkeiten begaben und ihr Dasein niemals allein an dem eines Mannes ausrichteten. Die sich wohl in ihrem Kopf und ihrem Körper fühlten. Und wenn schon nicht sie, meine Großmutter, ein gutes Vorbild war, gab es ja immerhin dieses Buch, das sie ihren Töchtern an die Hand geben konnte. Ein Buch, das all die feministischen Gedanken, die sie nur selten laut aussprach, versammelte.

Ich selber lebe heute nicht mehr in Leipzig, wo ich aufgewachsen bin, und ich habe mich – wie so viele andere meiner Generation – von dieser Heimat mit der Zeit etwas entfremdet. Aber von den Frauen in meiner Familie habe ich mich nicht entfremdet. Ihre Haltung ist meine.