Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Diese Zeit im Jahr steht im Zeichen der drei Weisen. Sie bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe. Denn im Sommer des letzten Jahres ist am politischen Himmel ein Komet zu beobachten gewesen, dem die Mehrheit des Volkes bereit war zu folgen. Und, so sagt die Prophezeiung, die Sterne kündigen Veränderung an. Die drei kommen zur rechten Zeit, denn das Gold des Melchior wird dringend nötig sein, um alle budgetären Versprechen halbwegs einlösen zu können. Und nach all der Selbstbeweihräucherung der Koalitionsverhandler erscheint Balthasars Weihrauchnachschub mehr als überfällig. Die Myrrhe des Caspar stammt aus Afrika. Allerdings ist nicht jedes Mitbringsel, das dieser Kontinent hervorgebracht hat, dieser Tage willkommen. Doch in diesem Fall ist die Vielseitigkeit des duftenden Harzes zu bestechend. Gilt es doch unter anderem auch als Aphrodisiakum. Wer sich die eigentümliche Harmonie der beiden Regierungspartner in Erinnerung ruft, weiß nun, dass hier offenbar eine gehörige Menge der begehrten Substanz vorab verabreicht wurde. Zudem kennt die Medizin seit dem Altertum den krampflösenden Effekt der Myrrhe. So lässt sich ganz einfach der Unterschied zwischen dem verbissenen freiheitlichen Chef im Wahlkampf und dessen späterer Entkrampfung zum Staatsmann erklären. Das Problem der drei Weisen aus dem Orient ist jedoch, dass sie nur einmal im Jahr erscheinen. Was nun, wenn schon im Sommer das Gold aufgebraucht, der Weihrauch verdampft ist? Dann kann immer noch die vielseitige Myrrhe herhalten. Denn sie wurde früher auch dazu verwendet, Leichen einzubalsamieren. Es wäre also nicht das erste Mal, dass eine Regierung, deren Vitalität längst entschwunden ist, künstlich konserviert fünf Jahre lang ihre Macht aussitzt.