Es war riesengroß, es war bärenstark, und es hatte keine Chance. Würde man sich das Riesen-Bodenfaultier aufgerichtet in einer Turnhalle vorstellen, es reichte bis zur Decke. Doch diese Größe half ihm am Ende des Pleistozäns nicht weiter; vor 10.000 Jahren verschwand der amerikanische Goliath für immer. Sein Aussterben fällt nicht nur mit einer rapiden Klimaveränderung zusammen, sondern auch mit einem zweiten epochalen Ereignis. Ein Neuankömmling breitete sich am Ende der letzten Eiszeit über den amerikanischen Doppelkontinent aus. Ein gefährliches, fleischfressendes Säugetier: der Mensch.

Wann sich der Homo sapiens ins Leben der Überseeriesen einzumischen begann, ist umstritten. Die aktuelle Ausgabe von Nature bestätigt die These vom sogenannten "Stillstand in Beringia". Nach dieser Einwanderungstheorie trennte sich vor mehr als 25.000 Jahren in Ostasien eine Population von der übrigen Bevölkerung und lebte in der Region zwischen Ostsibirien und Alaska. Von diesen Menschen, aus denen später die Uramerikaner hervorgingen, stießen erste Gruppen bereits vor mehr als 20.000 Jahren nach Süden vor. Der Rest verharrte in der Tundra von Beringia. Erst vor 15.000 Jahren kam die große Einwanderungswelle ins Rollen – als die Gletscher den Landweg auf den Kontinent freigaben. Das internationale Forscherteam um David Meltzer und Eske Willerslev bestätigt nun diese Abfolge der Ereignisse. Sie verglichen das Genom eines vor 11.500 Jahren in Alaska gestorbenen Kindes mit dem Erbgut früherer und heutiger Ureinwohner. Die Verwandtschaftsverhältnisse passen exakt zu den postulierten Wanderungsbewegungen.

Die Vorhut vor 20.000 Jahren war für das Riesen-Bodenfaultier kaum existenzgefährdend. Mit dem Eintreffen des Haupttross aber wurde der Immigrant zum ernsthaften Rivalen. Auch Präriemammut, Dromedar und Säbelzahnkatze verabschiedeten sich aus der Neuen Welt. Weitere bizarre Wesen taten es ihnen gleich. Der Zitzenzahnelefant starb aus, das Patagonische Langhals-Huftier, der Ohio-Riesenbiber und das Mexikanische Furchenzahn-Riesengürteltier. Ebenso: Breitstirnbison, Riesenwolf und Großkopflama.

Im Karlsruher Naturkundemuseum kann man noch bis Ende dieses Monats dem steinzeitlichen Bestiarium aus Übersee begegnen. In der großartigen Schau Amerika nach dem Eis – Mensch und Megafauna in der Neuen Welt sind Originalskelette, Fossilien und Rekonstruktionen zu sehen. Sie erzählen von der Zeit, als die Menschen den neuen Kontinent erschlossen, und davon, was gleichzeitig mit der Tierwelt geschah.

Zur Megafauna zählen Fleisch- und Pflanzenfresser ab einem Gewicht von 40 bis 45 Kilogramm. Mitglieder dieser Gewichtsklasse starben nicht nur in Amerika aus, sondern in vielen Teilen der Welt. Zumindest diesseits des Atlantiks arbeitete der Mensch seine Begegnungen mit den tierischen Größen künstlerisch auf. Tausende Abbildungen künden vom kreativen Wirken der frühen Europäer: Mammut-Graffiti gibt es zuhauf nördlich und südlich der Pyrenäen, und auf der Schwäbischen Alb überdauerte das pelzige Rüsseltier als filigranes Abbild in Elfenbein.

Und in Amerika? Weitgehend Fehlanzeige. Zu kurz überlappen sich dort die Zeiten, in denen der Homo sapiens bereits angekommen war und die Megafauna noch Prärie und Wald durchstreifte. In Mexiko kam das 11.000 Jahre alte Kreuzbein eines Kamels zum Vorschein, darauf eingraviert der Kopf eines Hundes oder eines Kojoten oder eines Schweins. In Florida entdeckten Forscher 2009 ein 10.000 Jahre altes Knochenfragment, inklusive Darstellung eines Rüsseltiers.

Von der damals in Nordamerika geschaffenen Felskunst ist nur eine einzige unstrittige Darstellung ausgestorbener Megafauna bekannt. Das mindestens 10.000 Jahre alte Werk wurde erst jüngst vom deutschstämmigen Philologen Ekkehart Malotki erforscht. 2017 beschrieb der Wissenschaftler von der Northern Arizona University die je rund 35 Zentimeter großen Darstellungen zweier Mammuts an einer Felswand am Upper Sand Island Rock in Utah.

Bis heute ist umstritten, wer der Megafauna Amerikas wirklich den Garaus machte. Sicher scheint, dass zumindest die Riesenfaultiere auf die Rechnung der Neuankömmlinge gehen. Zwei Millionen Jahre lang hatte die Spezies jede Warm- und Kaltzeit des Pleistozäns überstanden. Längst waren die Tiere zu Routiniers des Klimawandels geworden. Doch mit Beginn des Holozäns, der Jetztzeit, wurde das Überleben schwieriger. Der neu eingetroffene Jäger überforderte die pelzigen Schlaffis. Mit ihrem Leben in Superzeitlupe waren sie schlecht gewappnet, wenn plötzlich ein agiler Zweibeiner auftauchte und mit Waffen nach ihnen schmiss. Keine der 29 bekannten Pflanzenfresserarten, die mehr als eine Tonne auf die Waage brachten, überlebte. Von der leichteren amerikanischen Megafauna (bis 1.000 Kilogramm) rettete sich weniger als die Hälfte in die Gegenwart. Allein das tödliche Wirken des Menschen kann dieses Verschwinden in kürzester Zeit aber nicht erklären.