Fünf Meter überragt das Tor die Zelte und Container des Flüchtlingslagers Moria. Stacheldraht windet sich an seiner Oberkante. Zäune, Betonwände, Stahlgitter schließen rechts und links an. Durch eine schmale Tür laufen Menschen rein und raus. Sie gehen ohne Eile, Zeit hat hier jeder im Überfluss. Das Lager können sie tagsüber verlassen, auf der Insel Lesbos aber sind sie gefangen.

In den Augen der Europäischen Union ist Lesbos ein Brennpunkt der Flüchtlingskrise, weil hier seit 2015 besonders viele Menschen auf der Suche nach Schutz in Europa ankamen. Zwei Beschlüsse sollten die Lage entschärfen. Die EU unterschrieb einen Deal mit der Türkei, um weitere Flüchtlinge davon abzuhalten, europäischen Boden zu erreichen. Aber noch immer kommen zwischen 2.000 und 5.000 pro Monat in Griechenland an, die Bearbeitung der Anträge dauert oft Monate. Tausende sitzen fest.

Deshalb schickt die EU außerdem Geld, damit die Asylsuchenden menschenwürdig untergebracht werden können, bis über ihre Anträge entschieden ist. 200 Millionen Euro flossen allein 2017 in entsprechende Programme in Moria und anderswo.

Aber kommt das Geld bei den Menschen in Moria auch an? Journalisten erhalten keinen Zutritt zu dem Lager. Doch wer den richtigen Moment abpasst, gelangt hinein. Und was auf der anderen Seite passiert, kontrollieren die Polizisten nicht.

Das Gedränge hinter dem Tor überfordert die Wahrnehmung. 5.200 Menschen leben in dem Lager, das für nur 2.000 gebaut wurde. Als Erstes sieht man die Kinder, weil sie sich am schnellsten bewegen und am lautesten schreien. Kinder, die in dem Rinnsal planschen, das aus den Toilettencontainern tropft. Kinder, die husten, an Hautausschlägen kratzen, sich die Augen reiben. Kinder, die sich mit Zeltstangen prügeln. Kinder, die aus Zelten lugen, gebaut aus Stöcken, Seilen und Planen von ihren Eltern, die sonst tatenlos in der Gegend herumstehen oder -hocken oder -gehen. Und von denen vor allem die Augen in Erinnerung bleiben: manche ungläubig, manche aggressiv, manche apathisch.

Ursprünglich diente Moria der griechischen Armee als Kaserne. Hinter dem Tor verläuft eine Straße aus unebenem Beton. Links und rechts drängen sich Zelte und Wohncontainer, aus denen der saure Geruch ungewaschener Körper quillt. Männer mit zerknickten Dokumenten drängen sich gegen einen Zaun, dahinter hetzen griechische Beamte umher, schreien gegen den Lärm an. Ein Teil im hinteren Bereich des Camps ist scharf bewacht und mit mehreren Rollen Stacheldraht bewehrt. Darin werden jene eingesperrt, deren Asylantrag abgelehnt wurde.

Weil es an Übersetzern mangelt, bekommen die Menschen falsche Medikamente

Die Europäische Union deklarierte Moria 2015 zum Hotspot, in dem Migranten Asyl beantragen können und dann abgeschoben oder in ein anderes Land weitergeschickt werden. Nur Monate später, im Herbst 2015, brach das System zusammen: Tausende, an Spitzentagen über zehntausend, Flüchtlinge legten täglich von der Türkei ab. Die Vereinten Nationen riefen einen sogenannten Level-3-Notfall für Griechenland aus. Das gleiche Level galt zu der Zeit für den Irak, Südsudan und Jemen. Die Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der EU (ECHO) finanzierte erstmals in ihrer 25-jährigen Geschichte Projekte innerhalb Europas.

Das Internationale Rote Kreuz, das Norwegian Refugee Council, das International Rescue Committee und andere Organisationen schifften Büro-, Wohn- und Sanitärcontainer in die Ägäis, schickten Sozialarbeiter für die Kinder, Psychologen für die Traumatisierten und Ärzte für die Kranken.

Im März 2016 trat der EU-Türkei-Deal in Kraft. Ankara versprach, "alle erforderlichen Maßnahmen" zu ergreifen, um die Route übers Meer zu schließen. Die EU zahlte dafür drei Milliarden Euro.

Bald rasten türkische Polizisten über die Küstenstraßen, fingen Minibusse voller Flüchtlinge ab, errichteten Straßensperren, patrouillierten an den Stränden. Human Rights Watch berichtete, wie die griechische Küstenwache ankommende Flüchtlingsboote abdrängte. Die türkische Küstenwache schleppte sie zurück.